OME-Lexikon

Bosnien und Herzegowina

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

1. Bosnien und Herzegowina (Staat), 2. Bosnien (Landschaft)

Amtliche Bezeichnung

1. bosn. Bosna i Hercegovina (Abkürzung: BiH); 2. bosn. Bosna

Lateinische Bezeichnung

Bosnia

Etymologie

Das Toponym „Bosnien“ ist abgeleitet vom Namen des Flusses Bosna.

2. Geographie

Lage

Das Staatsgebiet von Bosnien und Herzegowina weist einen etwa ‚dreieckigen‘ Umriss auf. Zwei Schenkel dieses Dreiecks (nach Norden und Südwesten) ragen keilförmig nach Kroatien hinein. Im Norden bildet der Fluss Save (Sava) die gemeinsame Grenze mit Kroatien und zum Teil mit der Vojvodina (Serbien). Nach Osten grenzt das Land – überwiegend entlang des Drina-Flusses – an Serbien sowie an Montenegro. Bosnien und Herzegowina hat einen Zugang zum Adriatischen Meer bei Neum (nördlich von Dubrovnik). Die Fläche beträgt 51.197 km².

Topographie

Der heutige Staat Bosnien und Herzegowina ist aus zwei historischen Landesteilen zusammengesetzt. Die Herzegowina mit der Hauptstadt Mostar liegt im Süden des Staatsgebietes und bildete noch zur Zeit der osmanischen Herrschaft (vor 1878) als Vilyat beziehungsweise Paschalik eine eigenständige Verwaltungseinheit. Sie wird vom Fluss Neretva (dt. auch Narenta) durchzogen. Ihr vor allem von Kroaten und Serben bewohnter Westen und Osten ist wie das dalmatinische Hinterland durch fruchtbare polje beziehungsweise dinarische Karstgebirge geprägt. Bosnien, nördlich des Kupres-Passes (kupreška vrata), mit der Hauptstadt Sarajevo ist demgegenüber eine klimatisch mildere, waldreiche Mittelgebirgslandschaft. Einzelne Gipfel beziehungsweise Bergrücken erreichen Höhen bis zu 2.000 Meter. Nach Norden hin läuft diese Landschaft als Teil der pannonischen Tiefebene in die Posavina (Savetal) aus, vis-à-vis Slawonien, weiter östlich als fruchtbare Semberija im Save-Drina-Winkel (bei Bijeljina). Durch die Geschichte der Serben in Bosnien bekannt sind die Krajina („Grenzland“) im Westen um Banja Luka und das Romanija-Gebirge östlich Sarajevos (um den Luftkurort Pale).

Bosnien und die Herzegowina hatten seit dem Mittelalter Bedeutung wegen der Bodenschätze und des Bergbaus, an dessen Entwicklung damals „Sachsen“ maßgeblich beteiligt waren. Ortsnamen wie Srebrenica (Silber) oder Olovo (Blei) spiegeln diese Tradition wider. Im 19. und 20. Jahrhundert standen Eisen (Vareš), Braunkohle (u. a. Kakanj) sowie Bauxit (Mostar) im Vordergrund, sodass Bosnien und Herzegowina vor 1918 mehr Industriebeschäftigte hatten als Kroatien oder Serbien. Da später zudem die Nutzung von Wasserkraft stark ausgebaut wurde (u. a. Stausee Jablanica), bildet, neben Holz und Mineralien, Energie (Strom) heute das wichtigste Ausfuhrgut Bosniens und Herzegowinas. Wasserfälle wie Kravice gehören zu den Symbolen und Attraktionen des Tourismus in Bosnien, ebenso Heilquellen, am bekanntesten, schon seit der K.-u.-k.-Zeit, die Quelle in Ilidža bei Sarajevo.

Historische Geographie

Die heutigen Grenzen Bosniens und Herzegowinas sind im Norden, Westen und Süden im Wesentlichen Resultat der Frontverläufe beziehungsweise Waffenstillstandslinien aus der Zeit der Kriege des Osmanischen Reiches gegen die Habsburger. 1878 wurde Bosnien und Herzegowina von Österreich-Ungarn besetzt.[1] Noch zur Habsburgerzeit hatte Bosnien und Herzegowina – außer Neum – in Sutorina, Gemeinde Herceg-Novi, noch einen zweiten Zugang zum Meer. Dieses Gebiet wurde jedoch 1947 Montenegro zugeschlagen. Zum tatsächlichen Hafen Bosniens hat sich nicht Neum, sondern das kroatische Ploče an der Neretva-Mündung entwickelt, wo seit der K.-u.-k.-Zeit die Eisenbahn aus Mostar und Sarajevo endet.

Das Zentrum der Banschaft – oder zeitweise des Königreichs – Bosnien des 14.–15. Jahrhunderts lag im heutigen Zentralbosnien. Auf die Städte und politischen Zentren dieser Zeit verweisen die charakteristischen mittelalterlichen Burganlagen in Jajce, Visoko oder Bobovac. Im Gebiet Sarajevos bestand bereits im Mittelalter ein katholischer Bischofssitz. Ihre heutige Bedeutung verdanken jedoch sowohl Sarajevo als auch Mostar ihrem Aufstieg als osmanische Handels- und Verwaltungszentren. Dies prägt auch das Bild ihrer „Altstädte“. Für die dritte Generation bosnischer Städte stehen Industriezentren wie seit der K.-u.-k.-Zeit Tuzla. Als Standort von Chemiefabriken und eines Kohlekraftwerkes ist Tuzla heute die drittgrößte Stadt nach Sarajevo und Banja Luka und war zugleich seit 1991 eine Hochburg der Sozialdemokratie. Vielfach aber lag das demographische Wachstum noch in der österreichisch-ungarischen Epoche auf dem Land über demjenigen der Städte. In kommunistischer Zeit ist dann die Physiognomie und Struktur der Städte durch eine Vervielfachung von Fläche und Einwohnerzahl in kürzester Zeit stark verändert worden (z. B. Sarajevo 1931: 78.180, 1991: 527.049). Wie sehr dies politisch gewollt war und im Einklang mit den neuen gesellschaftlichen Leitbildern stand, zeigt sich daran, dass Bosnien und Herzegowina als Teilrepublik Jugoslawiens einen Fabrikschornstein statt historischer Heraldik im Wappen führte.

Heute ist Bosnien und Herzegowina politisch und weitgehend lebensweltlich geteilt in zwei „Entitäten“: die Föderation Bosnien und Herzegowina mit der Hauptstadt Sarajevo und die Republika Srpska (Serbische Republik, RS) mit der Hauptstadt Banja Luka. Die muslimische Bevölkerung der Föderation Bosnien und Herzegowina sieht sich heute überwiegend als Bosniaken, dies gilt auch für die (slawischsprachigen) Muslime im Sandschak (Sandžak) und teilweise für die Goranen im Kosovo. Daneben leben vor allem Kroaten in dieser Entität. Die Republika Srpska umfasst die serbischen Siedlungsgebiete sowie Ostbosnien, aus dem die früher mehrheitlich bosniakische Bevölkerung am Beginn der 1990er Jahre von serbischer Seite vertrieben wurde. Die RS ist zentralstaatlich um das Zentrum Banja Luka aufgebaut, während die stark dezentralisierte Föderation bosniakische und kroatische Interessen auszugleichen versucht. Besonders spürbar ist dies in Mostar. Die Siedlungsschwerpunkte der kroatischen Bevölkerung liegen innerhalb der Föderation in der West-Herzegowina. Als geistig-spirituelle Zentren sind hier das Gymnasium in Široki Brijeg sowie der Wallfahrtsort Međugorje zu nennen. Der politische Alltag ist jedoch weitgehend vom Gegensatz Sarajevo–Banja Luka bestimmt, während das Leben der Kroaten auf Kroatien orientiert ist, dessen Staatsbürgerschaft diese auch fast durchweg besitzen.

Den Bemühungen um eine stärkere politische Integration des Landes stehen außer dem komplizierten Staatsaufbau, den historischen Erfahrungen und konfessionellen Prägungen überkommene Infrastrukturmängel entgegen. Während der Bahnbetrieb teilweise ‚museumsreif‘ (oder stillgelegt) ist, verbinden nur wenige Autobahnen und gut ausgebaute Schnellstraßen das Land im Inneren zwischen den Entitäten.

3. Geschichte und Kultur

Mittelalter

Im Früh- und Hochmittelalter lag das Gebiet Bosniens zum Teil innerhalb der fränkischen, dann der kroatischen, später kroatisch-ungarischen und somit der westkirchlich-katholischen Sphäre. So soll etwa der kroatische König Tomislav (gest. um 928) 925 auf dem Duvanjsko Polje in der Herzegowina gekrönt worden sein. Besonders gilt dies für die Gebiete im Westen des heutigen Staatsgebietes, weiter östlich herrschte zumindest zeitweise byzantinischer beziehungsweise bulgarischer sowie in der Ost-Herzegowina serbischer Einfluss vor. Unklar ist, wie durchsetzbar und präsent diese Herrschaftsansprüche in dem gebirgigen und schwer zugänglichen Land jeweils waren. Seit dem Banus (im alten Ungarn der Titel für einen Vizekönig) Kulin (1163–1204) erlangte Bosnien um 1180 mehr Selbstständigkeit und gewann politisch an Gewicht.

Eine Besonderheit des Spätmittelalters (12. – 15. Jahrhundert) stellte die Bosnische Kirche dar. Während die ältere Literatur sie als mit der bogomilischen Bewegung Bulgariens verwandt ansah, betonen neuere Forschungen von John A. Fine ihre Herkunft aus der römisch-katholischen Kirche; Zeitgenossen verglichen sie mit den Patarenern in Norditalien. Im 13. Jahrhundert ließen die Päpste mehrfach Kreuzzüge gegen bosnische Häretiker ausrichten. Zu den Folgen gehörte auf Ersuchen Stjepan Kotromans II. (gest. 1353) die Entsendung von Franziskanern durch den Papst 1347, welche bis heute den Katholizismus in Bosnien prägen. Auch die bosnischen Herrscher des Mittelalters waren seit Kotroman II. fast durchweg katholischer Konfession.

Unter Kotroman II. gelang es Bosnien 1322, sich der Vorherrschaft des kroatischen Banus Mladen Šubić (ca. 1270– ca. 1341) zu entziehen. Sein Neffe und Nachfolger Tvrtko erlangte 1377 die Königswürde. Die Stellung dieses Königreiches Bosnien im 14. Jahrhundert zeigt sich an seinen dynastischen Verbindungen; so wurde Elisabeth (1340–1387), eine Tochter Stjepan Kotromans II., Königin Ungarns und Polens. Im Fernhandel spielten Kaufleute aus Dubrovnik eine entscheidende Rolle. Nach dem britischen Historiker Noel Malcolm deckten Bosnien und Serbien im 15. Jahrhundert 20 % des europäischen Silberbedarfs. Bauwerke wie die Kirche St. Maria in Jajce und Artefakte dieser Zeit verweisen auf die Teilhabe am europäischen Kunststil der Gotik.

Osmanische Herrschaft

Mit der Eroberung der Königsburg Jajce 1463 fiel das Königreich Bosnien unter osmanische Herrschaft. Unklar sind die Zusammenhänge zwischen der Konversion zum Islam und der Bosnischen Kirche. Die bosniakische Historiographie nimmt eine Kontinuität zwischen dem mittelalterlichen Adel und den Großgrundbesitzern der osmanischen Periode an. An den Außengrenzen blieb in den folgenden Jahrhunderten eine rege Kriegs- und Kleinkriegstätigkeit konstant. Zugleich veränderte sich die Struktur der christlichen Bevölkerung: Einerseits flohen besonders katholische Gruppen, andererseits besiedelten Orthodoxe, damals teilweise vlasi genannt, nun weite Teile Westbosniens, in denen sie fortan die Mehrheit stellten. Bleibende Bedeutung behielt, dass die Osmanen ihre Untertanen nach der Konfession einteilten, verbunden mit jeweils spezifischen Rechten, eigener Gerichtsbarkeit sowie einer Art „Kultus-Autonomie“ (milet-System). Obwohl das osmanische Türkisch die Amtssprache war, entstand eine sogenannte Alomohaden-Literatur in bosnischer Sprache mit arabischen Buchstaben. Der Niedergang des Osmanischen Reiches begünstigte seit dem 18. Jahrhundert das Streben lokaler Militärs (kaptane) nach Eigenständigkeit.

Vom Berliner Kongress bis zum Ersten Weltkrieg

Nachdem es 1876 ausgehend von der Herzegowina im gesamten Balkanraum zum Aufstand gegen das Osmanische Reich gekommen war, wurde 1878 auf dem Berliner Kongress durch Vermittlung Otto von Bismarcks (1815–1898) der territoriale Status quo neu definiert: Während Serbien und Montenegro völkerrechtlich als eigenständige Staaten anerkannt wurden, okkupierte Österreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina. Allerdings war die Habsburgermonarchie im Gegensatz zu Serbien und Montenegro kein Nationalstaat, sondern ein Imperium. Zur massenhaften Flucht von Muslimen kam es hier nicht. Vielmehr sicherte diese „Übergangsverwaltung“ die territoriale Eigenständigkeit Bosniens innerhalb des Habsburgerreiches und schloss symbolische Kompromisse, wie die Erlaubnis zur Nennung des Sultans im Freitagsgebet oder zum Zeigen der osmanischen Flagge zu islamischen Feiertagen, ein. Die habsburgische Verwaltung in Bosnien und Herzegowina schlug so einen behutsamen ‚Transformationspfad‘ ein. Auch wenn wichtige Integrationsschritte im Bereich der Zoll- und Währungspolitik oder 1882 bei der Wehrpflicht angegangen wurden, blieben die osmanischen Gesetze zunächst in Kraft und wurden erst nach und nach abgelöst. Insbesondere überließ die Verwaltung das Schulwesen weitgehend den Religionsgemeinschaften. Zwar wurden auch neue staatliche Schulen gegründet und reformierte muslimische Grundschulen (Ruždis) unterstützt, doch blieben bis zu 80 % der Bevölkerung vor 1914 Analphabeten. Dem gegenüber standen ein beträchtlicher Ausbau der Infrastruktur, das heißt die Schaffung eines Straßen- und Eisenbahnnetzes, der Aufbau einer professionellen Verwaltungsstruktur und eines Gesundheitswesens, sowie Modernisierungseffekte im gesellschaftlichen und kulturellen Sektor, nicht zuletzt das Entstehen einer bürgerlichen Mittelschicht. Insbesondere garantierte die habsburgische Verwaltung die überkommene Sozialverfassung, das heißt den Besitzstand der muslimischen Großgrundbesitzer, gegen die Forderungen vor allem serbischer Kleinbauern nach einer Agrarreform. Die Förderung des bosnischen Landespatriotismus in der Geschichts- und Kulturpolitik – des Bosniakentums – sprach vor allem einen Teil der muslimischen Elite an. Die im Anschluss an die Jungtürkenrevolte 1908 vollzogene Annexion Bosniens und Herzegowinas durch Österreich-Ungarn weitete sich zu einer internationalen Krise aus, in der sich die Abhängigkeit der Monarchie vom Deutschen Reich manifestierte. In der Folgezeit wurden im „Reichsland“ Bosnien und Herzegowina wichtige Reformen wie die Einführung einer „Verfassung“ (1909) und die Wahl zum Landtag (1910) vollzogen, doch gelang es kaum, die Loyalität der bosnischen Serben, besonders deren jüngerer Intelligenz, zu gewinnen. Aus ihren Reihen stammte der Attentäter Gavrilo Princip (1894–1918). Er verübte am 28. Juni 1914 in Sarajevo den tödlichen Anschlag auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand (1863–1914) und dessen Ehefrau Sophie (1868–1914), der zum Auslöser des Ersten Weltkriegs wurde.

Bosnien und Herzegowina im „kurzen“ 20. Jahrhundert

Im 1918 gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen lag die politische Vorherrschaft beim serbischen Landesteil. Die unitaristische Staatsideologie wurde unter der autoritären „Königsdiktatur“ und mit dem Staatsnamen „Jugoslawien“ ab 1929 noch verschärft. Trotzdem erwies sich die ethnokonfessionelle Struktur in Bosnien und Herzegowina weiterhin als prägend für Parteienlandschaft, Publizistik, Vereinswesen und Lebenswelt. 1939 kam die jugoslawische Regierung dem dominanten Regionalismus der Opposition in Kroatien durch ein Übereinkommen über die Gründung einer autonomen Banschaft Kroatien entgegen, welche auch die kroatischen Siedlungsgebiete in Bosnien und der Herzegowina mit einschloss.

Nach der deutschen Besatzung Jugoslawiens 1941 wurde durch die kroatische faschistische Ustaša-Bewegung ein „Unabhängiger Staat Kroatien“ proklamiert. Während große Teile Dalmatiens nun zu Italien gehörten, umfasste dieser Staat ganz Bosnien und Herzegowina und damit erhebliche serbische Siedlungsgebiete. Die Muslime galten als Kroaten, wohingegen die serbische Bevölkerung durch das Ustaša-Regime verfolgt wurde. Dagegen formierten sich Widerstandsbewegungen: einerseits die königstreuen Četnici, die ihrerseits Verbrechen, zumal an Muslimen, verübten und zunehmend mit den Nationalsozialisten und italienischen Faschisten kollaborierten, andererseits die kommunistischen Partisanen unter Josip Broz Tito (1892-1980).

Bosnien wurde zum Schwerpunkt des Partisanenkrieges, den die Kommunisten schließlich gewannen (Einnahme Sarajevos, 6. April 1945). Im Unterschied zu ihren nationalistischen Gegnern beanspruchten die Partisanen ein „internationalistisches“ Programm. Die Serben waren jedoch in ihren Reihen am stärksten beteiligt, was sich später in den Strukturen von Partei, Bürokratie und Armee des sozialistischen Jugoslawien widerspiegelte. In diesem Staat bildete Bosnien und Herzegowina nun eine eigene Teilrepublik, die im Zuge der Föderalisierungstendenzen ab Mitte der 1960er Jahre dann auch tatsächlich mehr Eigenständigkeit erlangte. Erst jetzt wurden die bosnischen „Muslime“ (unter diesem Namen) als gleichberechtigte Nation anerkannt; nicht zuletzt stand dies im Einklang mit einer proarabischen Außenpolitik. Die sozialistische Ära war gerade in Bosnien und Herzegowina von einem weitreichenden sozialen Strukturwandel und einem geradezu ruckartig forcierten Entwicklungsschub gekennzeichnet (Alphabetisierung, Urbanisierung, Industrialisierung), Städte wie Sarajevo und Banja Luka vervielfachten ihre Einwohnerzahlen. Da Bosnien strategische Bedeutung zugewiesen wurde, lag hier ein Schwerpunkt der jugoslawischen Rüstungsindustrie, diverse militärische Anlagen entstanden. Andererseits setzte in den 1960er Jahren die Arbeitsmigration in das westliche Ausland ein, zumal nach Deutschland und Österreich als „Gastarbeiter“; besonders markant war dies in den katholisch geprägten Hochburgen der Kroaten. In den 1980er Jahren verschlechterte sich die ökonomische Situation in Bosnien erheblich, Repression und Schauprozesse gegen Dissidenten kehrten zurück, diverse Skandale um Korruption und Misswirtschaft sorgten für Aufsehen.

1990 wurden die Kommunisten in den meisten Teilen Jugoslawiens abgewählt, nicht jedoch in Montenegro und Serbien, wo sie unter Slobodan Milošević (1941–2006) eine nationalistische Massenbewegung anführten. Auf der Grundlage einer von vielen Serben boykottierten Volksabstimmung erklärte Bosnien und Herzegowina am 6. April 1992 seine Unabhängigkeit. Die jugoslawische Armee und serbische Milizen reagierten darauf mit Krieg, in welchem schwere Verbrechen besonders an der bosniakischen Zivilbevölkerung verübt wurden. Zwischenzeitlich kam es auch zum „Krieg im Krieg“ zwischen Bosniaken und Kroaten (v. a.1993). Das Abkommen von Dayton 1995 stellte formal den Frieden wieder her, faktisch blieb das Land aber weiterhin geteilt.

Die Bosniendeutschen

Die deutsche Bevölkerung ist zur österreichisch-ungarischen Zeit nach Bosnien eingewandert.[2] Nach der Volkszählung von 1910[3] handelte es sich um 22.968 Personen: Etwa 8.000 „Kolonisten“ lebten in ca. zwanzig mehrheitlich deutschen Dörfern Nordbosniens von Landwirtschaft und Handwerk. Konfessionell waren die Evangelischen in der Mehrheit, wobei die Pfarrer meist aus Deutschland stammten. Die ältesten und einwohnerstärksten Siedlungen waren katholisch: Windthorst und das benachbarte Rudolfstal. Nach 1918 verstanden sich die Kolonisten als deutsche Minderheit, sie prägten das Bild der Bosniendeutschen in der Erinnerung nach 1945. 5.246 Personen deutscher Muttersprache hatten sich bis 1910 in Sarajevo niedergelassen,[4] was einem Bevölkerungsanteil von 10-11 % entsprach. Darunter waren Beamte, Militärs, Experten, Unternehmer etc. In Sarajevo erschienen zwei deutsche Zeitungen, die Bosnische Post (1884–1918) und das konkurrierende Sarajevoer Tagblatt (1908–1918).[5] Zudem wohnten Deutsche an den verschiedenen Industriestandorten als Facharbeiter und Firmenangestellte oder auf angeschlossenen Landwirtschaftsbetrieben. Dies war zum Beispiel bei den Solvay-Soda-Werken in Tuzla-Lukavac (1.237 Deutsche), in Zenica (778 Deutsche, Eisenindustrie) und in Zavidovići-Podkleće (Holzwerke) der Fall.[6]

 

Die Kirche von Windthorst. Der Ort, heute Nova Topola, liegt unmittelbar an der Straße Banja Luka–Gradiska/Gradiška(–Kroatien), einem der Hauptverkehrswege des Landes. Windthorst war die älteste und größte der ehemaligen deutschen Siedlungen, die Einwohner waren katholisch und stammten meist aus dem Emsland, sodann aus dem Rheinland und Westfalen, dazu kamen Schlesier sowie Arbeiter aus Essen und einige holländische Familien. Das Land hatten die Siedler von muslimschen Grundherren (Begs) privatrechtlich erworben. Zusammen mit einigen, auch evangelischen, Nachbarorten bildete Windthorst ein kleines „Siedlungsgebiet“, dessen Einwohner nicht 1942 „umgesiedelt“ wurden, sondern erst im Oktober 1944 aus Bosnien flohen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand in der Nähe ein Internierungslager. Auf Initiative eines deutsch-kroatischen Vereins und mit Unterstützung des Bischofs von Banja Luka, Franjo Komarica, wurde die Kirche 2012 grundlegend renoviert. [Foto (2012): Wikimedia Commons. The Catholic news agency of the Bishops' Conference of Bosnia and Herzegovina].

Die Einwanderung der Kolonisten erfolgte zwischen 1879 und 1900 unter sehr verschiedenen Bedingungen: Anfangs (Windthorst, Rudolfstal) handelte es sich um Katholiken, die direkt aus dem Deutschen Reich kamen. Anschließend wanderten Donauschwaben ein, die Bosnien beim Militärdienst kennengelernt hatten (Franz-Josefsfeld). Diese Menschen kamen aus privater Initiative und kauften ihr Land von einheimischen Grundherren. In den 1890er Jahren verpachtete dann der Staat ungenutztes Land aus öffentlichem Besitz (Ärar) an Kolonisten, zunächst an Einheimische, später wurde dafür auch in Zeitungen in verschiedenen Teilen der Monarchie geworben. Von diesen Kolonisten stellten Polen und Ukrainer die größten Gruppen dar, aber es kamen auch Deutsche aus Galizien, Russland, Ungarn und Kroatien, ferner Italiener, Tschechen und andere. Nach der Annexion Bosniens und Herzegowinas 1908 drohte sich die Lage der Deutschen zu verschlechtern. Der 1910 gewählte Landtag beschloss die Subventionen für die Evangelische Kirche zu kürzen, und der Schulunterricht war fortan teilweise in der Landessprache durchzuführen. In dieser Zeit erstarkten der „Verein der Deutschen in Bosnien und Herzegowina“ sowie ein Genossenschaftsverband.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 verließ ein Drittel der Deutschen (vor allem Militärs und Beamte) das Land. In den Städten schloss sich ein Teil der Katholiken den Kroaten an. Die beiden Sarajevoer Zeitungen mussten sofort ihr Erscheinen einstellen. Das Problem des Lehrermangels verschärfte sich mit der Verstaatlichung des Schulwesens, da Lehrer als Staatsbedienstete nun entsprechend gute Kenntnisse des Serbokroatischen vorzuweisen hatten. So behielten nur wenige größere Kolonien deutsche Schulen. Zwar wurde Georg Grassl (1865–1948), der einstige Sektionschef der bosnischen Landesregierung für Unterrichtswesen, zum Vorsitzenden des 1920 in der Vojvodina gegründeten „Schwäbisch-Deutschen-Kulturbundes“, Herausgeber des dortigen Deutschen Volksblattes und Abgeordneter der Partei der Deutschen. Doch in Bosnien lag nach der Auflösung des „Vereins der Deutschen“ und des Genossenschaftsdachverbands die geistige Führung zunächst in den Händen der Pastoren: Mit der „Bosnischen Synode“ bestand ein organisatorischer Rahmen, zudem standen diese in Kontakt mit kirchlichen wie bürgerlich-nationalen Hilfsvereinen in Deutschland und Österreich. Einige ärarische Dörfer Bosniens waren arm und strukturschwach; manche Familien wanderten aus, zogen in die Industriezentren oder verdingten sich als Wanderarbeiter. Der „Kulturbund“ fasste in Bosnien politisch erst Ende der 1930er Jahre Fuß; bei den Pastoren kann man insgesamt von ‚Teilaffinitäten‘ zum Nationalsozialismus sprechen.

Nach dem deutschen Angriff auf Jugoslawien wurde Bosnien zu einem Hauptschauplatz des Partisanenkrieges, dessen Gewaltdynamik sich bald auch gegen die Dörfer der Deutschen richtete. Erste „Umsiedlungen“ nach Syrmien 1941 trugen Kennzeichen einer Evakuierung und Flucht; in diesem Sinne wurde 1942 der größte Teil der Bosniendeutschen „umgesiedelt“. Nach der „Durchschleusung“ in Lagern um „Litzmannstadt“ (Lodz/Łodź) sollten diese durch die sogenannte „Aktion Zamość“ – quasi ein Pilotprojekt des „Generalplans Ost“ – die Häuser vertriebener Polen erhalten. Dieser Plan scheiterte am polnischen Widerstand. Daraufhin wurden weitere Ansiedlungsversuche in Lothringen und Luxemburg unternommen. Einige Orte in Bosnien wurden bis Oktober 1944 gehalten. Bei Kriegsende waren die Bosniendeutschen über ganz Deutschland und Österreich verteilt; jene, die nach Bosnien zurückkehrten, wurden in Lagern inhaftiert.

4. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Carl Bethke: Deutsche „Kolonisten“ in Bosnien. Vorstellungswelten, Ideologie und soziale Praxis in Quellen der evangelischen Kirche. In: Filozofski fakultet u Sarajevu, Zijad Šehić (Hg.): Međunarodna konferencija Bosna i Hercegovina u okviru Austro-Ugarske 1878–1918 Održana u Sarajevu, 30. i 31. marta 2009. Zbornik radova [Internationale Konferenz Bosnien und Hercegovina im Rahmen Österreich-Ungarns 1878–1918. Abgehalten in Sarajevo, 30. und 31. März 2009. Sammelband]. Sarajevo 2011, S. 235–266. URL: https://www.academia.edu/5920834/Deutsche_Kolonisten_in_Bosnien._Vorstellungswelten_Ideologie_und_soziale_Praxis_in_Quellen_der_evangelischen_Kirche.
  • Vladimir Geiger: Bosnia and Herzegovina’s Ethnic German Human Loses during WWII and Thereafter (October 2013). URL: http://www.hrastovac.net/historical/Geiger,Bosnia%27s-DS-losses.htm.
  • Amila Kasumović: Modaliteti eksterne kolonizacije u Bosni 1890–1914 [Modalitäten der externen Kolonisation in Bosnien 1890–1914]. In: Prilozi 38 (2009), S. 81–120. URL: http://www.iis.unsa.ba/pdf/prilozi_38.pdf.
  • Noel Malcolm: Geschichte Bosniens. Frankfurt/M. 1996.
  • Nedad Memić: Entlehnungen aus dem österreichischen Deutsch in der Stadtsprache von Sarajevo. Frankfurt/M. 2006 (Schriften zur deutschen Sprache in Österreich 37).
  • Ders.: Rječnik germanizama i austrijacizama u bosanskome jeziku/ Wörterbuch der Germanismen und Austriazismen im Bosnischen. Sarajevo 2014.
  • Robin Okey: Taming Balkan Nationalism: The Habsburg Civilizing Mission in Bosnia, 1878–1914. Oxford, New York 2007.
  • Leni Perenčević: „Fern vom Land der Ahnen“. Zur Identitätskonstruktion in bosniendeutschen Heimatbüchern. In: Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde 51 (2010), S. 45–74.
  • Lejla Sirbubalo: „Wie wir im 78er Jahr unten waren“: Bosnien-Bilder in der deutschsprachigen Literatur. Würzburg 2012 (Epistemata, Reihe Literaturwissenschaft, 745).
  • Mary Sparks: The Development of Austro-Hungarian Sarajevo, 1878–1918. An Urban History. London 2014.
  • Holm Sundhaussen: Sarajevo. Die Geschichte einer Stadt. Wien, Köln, Weimar 2014.

Periodika

Weblinks

Digitale Quellen

Anmerkungen

[1] Exemplarisch dazu Tamara Scheer: „Minimale Kosten, absolut kein Blut“. Österreich-Ungarns Präsenz im Sandžak von Novipazar (1879–1908). Frankfurt/M. 2013 (Neue Forschungen zur ostmittel- und südosteuropäischen Geschichte 5).

[2] Zu den mittelalterlichen Sasi in Ostbosnien siehe Konrad Gündisch: „Saxones“ im Bergbau von Siebenbürgen, Bosnien und Serbien. In: Gerhard Grimm, Krista Zach (Hg.): Die Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa. Bd. 2. München 1996 (Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks 73), S. 119–132.

[3] Die Ergebnisse der Volkszählung in Bosnien und der Hercegovina vom 10. Oktober 1910. Zusammengestellt vom Statistischen Departement der Landesregierung. Mit einer Übersichtskarte der Konfessionen. Sarajevo 1912, S. 52: http://www.dlib.si/stream/URN:NBN:SI:DOC-NNGU1FYP/891375a1-26c8-4773-b156-8eea431e4f3b/PDF (Abruf 11.02.2015).

[4] Die Ergebnisse der Volkszählung 1910 (Anm. 3), S. 46.

[5] Zu beiden Zeitungen sind die umfangreichsten Bestände in der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, überliefert.

[6] Die Ergebnisse der Volkszählung 1910 (Anm. 3), S. 44.

Zitation

Carl Bethke: Bosnien und Herzegowina. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32623 (Stand 17.03.2015).

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