Südkaukasus / Transkaukasien

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Südkaukasus, Transkaukasien, Transkaukasus

Anderssprachige Bezeichnungen

russ. Južnyj Kavkaz/Zakavkaz’e; engl. The South Caucasus/Transcaucasia /Transcaucasus; georg. სამხრეთი კავკასია; armen. Հարավային Կովկաս; aserb. Cənubi Qafqaz

Etymologie

Der Begriff Zakavkaz’e leitet sich von der lateinischen Präposition trans („jenseits“) in Verbindung mit dem griechischen Kaukasos (Kaukasus) ab und bezeichnet die Region südlich des Großen Kaukasus, eines etwa 1200 Kilometer langen Gebirgszugs zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Die Bezeichnung entspricht der russischen Bezeichnung Zakavkaz’e (za- = „jenseits“). Der Begriff wurde im frühen 19. Jahrhundert in der russischen Verwaltung und Geographie geprägt, nachdem das Zarenreich infolge mehrerer Kriege gegen Persien und das Osmanische Reich seinen Einfluss in dieser Region ausdehnte. In der internationalen wissenschaftlichen und politischen Terminologie hat sich seit dem späten 20. Jahrhundert die Bezeichnung Südkaukasus etabliert. Diese gilt als geographisch neutraler, da sie nicht die nordkaukasische bzw. russische Perspektive voraussetzt.

2. Geographie

Lage

Die Region mit einer Gesamtfläche von ca. 186,1 km2 liegt zwischen dem östlichen Europa und Vorderasien südlich des Großen Kaukasus-Hauptkamms und umfasst die Staaten Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Geographisch erstreckt sich das Gebiet zwischen dem Schwarzen Meer im Westen und dem Kaspischen Meer im Osten. 

Topographie

Topografisch gehört die Region zur alpidischen Gebirgsbildungszone und weist eine komplexe geologische Struktur auf. Die westlichen Landesteile, insbesondere die Schwarzmeerküste Georgiens, sind zu rund 80 Prozent durch Gebirgsrelief geprägt. Diese gehören zu den südlichen Ausläufern des Großen Kaukasus und erreichen Höhen bis 5.000 m ü. d. M. Im Osten, entlang des Kaspischen Meeres, dominieren die Flusssysteme von Kura und Aras (auch Araks) das Relief. Nach Westen steigt das Gelände zum Kleinen Kaukasus an, einer Faltengebirgszone, die tektonisch mit dem Armenischen Hochland verbunden ist. Die Region zählt zu den seismisch aktivsten Zonen Eurasiens, da sie im Bereich der Kollision der Arabischen mit der Eurasischen Platte liegt. Hebung und Erosion prägen das Landschaftsbild deutlich. Klimatisch überwiegt im Westen maritimes, im Osten kontinentales Klima.

Historische Geographie

Seit der Antike war die Region Schauplatz geopolitischer und militärischer Konflikte zwischen Großreichen des Ostens und Westens. In der Frühneuzeit rückte die Region in den geopolitischen Fokus des Osmanischen und des Persischen Reiches. Ab dem späten 18. Jahrhundert ging das Zarenreich als dominante Macht in der Region hervor. Im Rahmen der Verwaltungsgliederung kam es zu mehreren Grenzverschiebungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts umfasste der Südkaukasus die Gouvernements Kutaisi, Tiflis, Baku, Elisavetpol’, Ėrivan, die Oblaste Karsk und Dagestan sowie die Bezirke Černomorsk und Zakatal’sk. Nach der Revolution 1917 und dem Zerfall des Zarenreichs proklamierten die Nationalbewegungen 1918 die Transkaukasische Demokratisch-Föderative Republik, die jedoch 1919 infolge innerer Spannungen und äußerer Interventionen zerfiel und 1922 in die Sowjetunion eingegliedert wurde. 

Mit dem Zerfall der UdSSR 1991 erlangten Georgien, Armenien und Aserbaidschan Unabhängigkeit, zunächst ohne Grenzveränderungen. Erst der bewaffnete Konflikt um Bergkarabach (1992–1994, erneut 2020–2023) führte zur vollständigen Kontrolle des Gebiets durch Aserbaidschan. Zusätzlich bestehen mit Abchasien und Südossetien zwei selbsternannte, international nicht anerkannte De-facto-Staaten.

Heute grenzt der Südkaukausus im Norden an die Russische Föderation, im Nordwesten an die Türkei und im Süden an den Iran.

3. Geschichte und Kultur

Vor- und Frühgeschichte

Der Südkaukasus wird bereits in antiken Quellen (u. a. Herodot, Plinius, Strabon, Ptolemäus) als wichtiger Grenz- und Verbindungsraum zwischen Europa und Asien beschrieben. Ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. bestanden hier Königreiche wie Kolchis, Urartu, Iberien und Armenien. Diese wurden später in die Reiche der Achämeniden, Parther und Sassaniden eingegliedert. Während dieser Zeit war der Zoroastrismus[1] zeitweise verbreitet, verlor jedoch mit der Christianisierung regionaler Eliten an Bedeutung. Die Lage an wichtigen Fernhandelswegen (darunter der Seidenstraße) band die Region früh an überregionale Netzwerke. Archäologische und genetische Funde weisen auf eine autochthone Entwicklung südkaukasischer Kulturen seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. hin.

Mittelalter

Im Mittelalter war der Südkaukasus Schauplatz andauernder Machtkämpfe zwischen Byzanz, dem Sassanidenreich, dem Kalifat sowie später turk-mongolischen Mächten. Fürstentümer und Königreiche wechselten zwischen Unabhängigkeit und Vasallität. Ab dem 7. Jahrhundert stand ein Großteil der Region unter arabischer Kontrolle (des Umayyaden- und später des Abbasiden-Kalifats). Lokalen Eliten wurde dabei gewisse Autonomien zugestanden. Im 11. Jahrhundert führten Invasionen der zentralasiatischen Seldschuken zu Bevölkerungsverschiebungen und Islamisierungstendenzen. Zugleich entwickelte sich das georgische Königreich unter der Bagratidendynastie zum regionalen Machtzentrum, das unter Königin Tamar (1184–1213) seine größte Ausdehnung erreichte. Die Mongoleninvasion im 13. Jahrhundert und die Errichtung des Ilchanats[2] mit dem Zentrum in Täbris (heute in Iran) brachten erneut tiefgreifende Zerstörungen, zugleich aber neue Handelsverbindungen. Im Spätmittelalter prägten turkmenische Dynastien (Kara Koyunlu, Aq Qoyunlu) sowie die sich etablierenden osmanischen und safawidischen Reiche die politische Ordnung in der Region. 

Neuzeit

Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert war die Region zwischen dem Osmanischen Reich und dem Persischen Reich aufgeteilt. Während Westarmenien osmanisch wurde, fiel Ostarmenien als Khanat von Erivan unter persische Kontrolle. Die politische Teilung führte erneut zu Migrationsprozessen, besonders unter der christlichen armenischen Bevölkerung. 1783 stellte sich das Königreich Kartlien-Kachetien unter russischen Schutz (Vertrag von Georgievsk). Nach dem Tod von König Giorgij XII. (1746–1800; reg. 1798–1800) wurde das Königreich 1801 formell annektiert. Die Russisch-Persischen Kriege (1804–1813, 1826–1828) führten zur Abtretung weiter Gebiete an Russland (Verträge von Gulistan 1813 und Turkmantschai 1828). Die armenische Bevölkerung unterstützte dabei mehrheitlich die russische Seite. 

Deutsche Siedler im Südkaukasus

Ein bedeutender Aspekt der russländischen Expansionspolitik im Südkaukasus war die gezielte Ansiedlung deutscher Kolonisten zur wirtschaftlichen Erschließung der Region. Ab 1817/18 zogen auf Einladung Zar Alexanders I. (1801–1825) – nach einigen Quellen auf Gesuch der deutschen Interessentengruppen selbst – erste Auswanderer überwiegend aus Württemberg, Baden, Bayern und Schwaben in die Region. Die Siedler erhielten Privilegien wie Glaubensfreiheit, Befreiung vom Militärdienst und finanzielle Unterstützung. Bis 1819 entstanden acht sogenannte „schwäbische Dörfer“ – nach Mitgliedern der Zarenfamilie benannte Kolonien – in den heutigen Gebieten Georgiens und Aserbaidschans: Marienfeld, Elisabethtal, Neutiflis, Alexanderdorf, Petersdorf, Katharinenfeld (Verwaltungszentrum der Kolonien; heute Bolnisi/Georgien), Helenendorf/Göygöl/Chanlar (Aserbaidschan) und Annenfeld (heute Şəmkir/Aserbaidschan). Die Kolonien entwickelten ein eigenständiges evangelisch-lutherisches Gemeindeleben, über das die einzige deutschsprachige Zeitung in der Region, die Kaukasische Post (1906–1914), berichtete. Ein bedeutendes Bauwerk war die 1857 errichtete St. Johanniskirche in Helenendorf – die erste evangelisch-lutherische Kirche Aserbaidschans. Die Siedler betrieben Landwirtschaft, vor allem Weinbau und -herstellung. Weitere Erwerbszweige waren Gartenbau, Fischerei und ab den 1860er Jahren in geringem Maße auch Käserei. Bis in die 1880er Jahre blieben die Kolonien weitgehend wirtschaftlich isoliert. Erst die Eröffnung der Eisenbahnlinien Poti–Tiflis (1872) und Tiflis–Baku (1883) sowie ein aufkommendes regionales Pressewesen förderten die wirtschaftliche Integration der Deutschstämmigen. Im Weinsektor kam es zur Umstellung von Subsistenz- auf marktorientierte Produktion. Die Handelshäuser Vohrer und Hummel wurden zu führenden Unternehmen und kontrollierten vor dem Ersten Weltkrieg rund die Hälfte des Weinhandels der deutschen Dörfer – etwa vier Prozent des gesamten russischen Weinexports.[3] In urbanen Zentren wie Tiflis/Tbilisi und Baku betrieben deutsche Unternehmer Geschäfte, Werkstätten und Gaststätten, häufig mit deutschem Namen. Mit den Ukazen Alexanders II. zur Aufhebung der Kolonistenprivilegien (1871) und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (ab 1874) verlor auch die kaukasusdeutsche Bevölkerung ihren Sonderstatus. Dies führte zu Auswanderungen nach Deutschland, Nord- und Südamerika. Die Beschränkung auf Russisch als alleinige Unterrichtssprache in den Schulen ab 1891 stellte einen tiefen Einschnitt ins kulturelle Selbstverständnis dar. Im Ersten Weltkrieg (1915) wurden die deutschen Kolonisten als „feindliche Ausländer“ eingestuft und nach den sogenannten Liquidationsgesetzen wirtschaftlich enteignet.[4] Die Maßnahmen blieben bis zur Revolution 1917 in Kraft.

Die im 19. Jahrhundert eingewanderten Kolonisten aus deutschen Ländern (später auch Fachleute, Unternehmer und Übersiedler aus den anderen Regionen des Russländischen Reichs) werden in der Forschung sowie in zeitgenössischen Quellen – etwa seit dem Ende des 19. Jahrhunderts – als „Kaukasusdeutsche“ bezeichnet.

Zeitgeschichte

Nach der Revolution von 1917 und dem Machtkampf zwischen Bolschewiki, britischen und türkischen Truppen, aus dem die Bolschewiki siegreich hervorgingen, wurde der Südkaukasus 1922 als Transkaukasische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (TSFSR) in die Sowjetunion (UdSSR) eingegliedert. 1936 erfolgte die Aufteilung in die Unionsrepubliken Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Der Zusammenbruch des Zarenreichs eröffnete ethnischen Minderheiten, darunter den Kaukasusdeutschen, vorübergehend neue Handlungsspielräume. Eine spezifische Autonomie, wie sie der Wolgadeutschen ASSR gewährt wurde, blieb jedoch aus. 

Zweiter Weltkrieg, Deportation und Folgen

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 markierte eine Zäsur: Am 8. Oktober 1941 ordnete das NKWD die Deportation der Deutschstämmigen aus den Republiken Georgien, Armenien, Aserbaidschan nach Sibirien oder Zentralasien an. Aus dem Südkaukasus – hier lebten 46.533 Deutsche - wurden aus der Georgischen SSR 23.580, der Aserbaidschanischen SSR 22.841 und aus der Armenischen SSR 212 Personen nach Kasachstan deportiert. Wenige Deutsche, die Mitglieder der kommunistischen Partei (372) und des Komsomols (1.077) waren – wurden nach Dagestan und in die Tscheschenisch-Inguschetische ASSR geschickt. Ende Oktober 1941 wurden sie weiteren Personen (insges. 4.574) ebenfalls nach Kasachstan und Sibirien deportiert wurden.[5]

Die Rückkehr war nach dem Krieg nur vereinzelt möglich; die meisten Betroffenen verloren Eigentum und ihre sozialen Strukturen. Nach Stalins Tod 1953 erfolgten teilweise Rehabilitierungsmaßnahmen, doch die Rückkehr gestaltete sich schwierig nicht zuletzt aufgrund des Verlusts von Besitz, Berufsmöglichkeiten und Kontakten. etc. Heute existiert nur noch eine reduzierte deutschstämmige Gemeinschaft im Südkaukasus. Kulturelle Spuren wie Gebäude, Ortsnamen oder Friedhöfe zeugen vom historischen Erbe. In Georgien engagiert sich die Assoziation der Deutschen Georgiens „Einung“, die rund 2.000 Mitglieder zählt, vor allem in Tbilisi für die Bewahrung der Erinnerung.[6]

Bevölkerung

 GeorgienArmenienAserbaidschan
Bevölkerung nach Volkszählung von 1897 (Zarenreich)
inkl. deutschsprachige Personen 
(nach Gouvernements; ca.)
Tiflis G. 1.05 Mio.
Deutsche 8.340
Kutaisi G. 1.06 Mio.
Deutsche 1.065
Ėrivan G. 829.556
Deutsche 210
Baku G. 826.716
Deutsche 3.430
Elizavetpol G. 878.415
Deutsche 3.194
Bevölkerung 1926 (UdSSR)2.667.200881.3002.314.600
Deutsche 192612.04710413.149
Bevölkerung 1939 (UdSSR)3.540.0231.282.3003.205.150
Deutsche Minderheiten 1939/1941  (vor Deportation)20.52721223.133 / 22.741
Deutsche 1959 (ca.)2.3002781.492
Bevölkerung 19704.686.3582.491.8735.117.081
Deutsche 1970/1979keine Angabe408 / 3331.361 / 1.048
Bevölkerung 2026 (in Mio. ca.)3,82,910,4
Deutsche Bevölkerung
(nach 2000; in Hundert ca.)
In 2002 ca. 651In 2017 ca. 100In 2006 ca. 500 
Ethnische Zusammensetzung und Minderheiten
(in %; ca.)
Georgier 86 
Azeri 6,5
Armenier 5 
Russen 1 
Armenier 98
Jesiden 1,5
Azeri 92
Lezgin 2
Russen, Armenier 1,5 

Wirtschaft

Die historische Wirtschaftsstruktur Transkaukasiens war von Agrarproduktion, regionalem Handel und wechselnder Einbindung in überregionale Märkte (v. a. via Handelsrouten der Seidenstraße) geprägt. Der Ausbau von Infrastruktur (Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Telegrafennetzen) im Rahmen der russischen Expansion förderte den Binnenhandel und die Anbindung an das Zarenreich. Wichtige Sektoren waren Landwirtschaft (v.  a. Weinbau, Viehzucht), Bergbau (in Armenien und Westgeorgien) sowie die rasch wachsende Erdölindustrie um Baku, die Russland ab den 1870er Jahren zum weltweit größten Ölproduzenten machte.

In der Sowjetzeit dominierten Kollektivierung, Industrialisierung und Planwirtschaft. Städte wie Tiflis, Baku und Jerewan entwickelten sich zu Zentren der Leicht- und Schwerindustrie. Die Öl- und Gasförderung in Aserbaidschan blieb zentral. 

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es in den 1990er Jahren zu einem massiven wirtschaftlichen Einbruch mit Inflation, Arbeitslosigkeit und Versorgungskrisen. Durch ausländische Investitionen (v. a. im Energiesektor) und regionale Infrastrukturprojekte (z. B. BTC-Pipeline) setzte ab den 2000er Jahren wirtschaftliche Stabilisierung ein. Heute prägen Energiewirtschaft (v. a. in Aserbaidschan), Tourismus sowie Agrar- und Lebensmittelproduktion die ökonomische Entwicklung der Region.

Militärgeschichte

Die Region Transkaukasien war über Jahrhunderte ein geopolitisch umkämpfter Raum zwischen Großreichen. Die russische Expansion im 19. Jahrhundert führte zur militärischen Infrastrukturentwicklung der Region (Forts, Garnisonen). Auch die deutschen Kolonisten spielten dabei eine Rolle, etwa im Versorgungs- und Transportwesen oder im Rahmen späterer Wehrpflichtregelungen (ab 1874). Nach der Revolution 1917 übernahmen lokale Nationalräte und paramilitärische Gruppen für kurze Zeit die Verwaltung. In der Sowjetzeit diente die Region als Rückraum (u. a. für Ölnachschub). Die militärischen Konflikte seit 1991 führten zu Kriegen und instabilen Waffenruhen unter internationaler Beteiligung (u. a. Russland, Türkei, USA).

Gesellschaft, Religion und Alltagskultur

Die Gesellschaften der Region sind historisch multiethnisch und -konfessionell geprägt. Ihre kulturelle Vielfalt entstand im Spannungsfeld von Christentum und Islam sowie durch Migrations- und Austauschprozesse. Vier große Sprachfamilien sind vertreten: Altaisch (türksprachig) – Aserbaidschaner, südkaukasisch (kartwelisch) – Georgier, nordkaukasisch (abchasisch-adygheisch) – Abchasier, indogermanisch – Armenier (armenische Gruppe) und Osseten (iranische Gruppe). 

Religiös dominiert das Christentum in Georgien (Orthodoxe Kirche) und Armenien (Armenisch-Apostolische Kirche), während in Aserbaidschan der schiitische Islam vorherrscht (mit sunnitischen Minderheiten). In Abchasien ist ein Teil der Bevölkerung sunnitisch-muslimisch. Trotz sowjetischer Säkularisierung blieben religiöse Riten – etwa bei Hochzeiten und Bestattungen – im Alltag erhalten. Die Sowjetmacht strebte eine einheitliche sowjetische Identität an, doch religiöse Bindungen überdauerten vielerorts. Seit der Unabhängigkeit 1991 garantieren alle drei Staaten Religionsfreiheit. Die Kirchen in Georgien und Armenien spielen eine zentrale identitätsstiftende Rolle. Auch religiöse Traditionen von Minderheiten (z. B. Deutsche, Juden[7]) bestehen fort. Aserbaidschans Religionsgesetz von 2009 sieht eine Registrierungspflicht aller Glaubensgemeinschaften vor und wird international teils kritisch bewertet.

Bildung und Wissenschaft

Vertreter der südkaukasischen Völker leisteten bedeutende Beiträge zur Erforschung der Region – zunächst in zarischer Zeit (z. B. in der Kaukasischen Archeographischen Kommission und der Kaiserlichen Russischen Geographischen Gesellschaft in Tiflis), später unter sowjetischer Ägide an Akademien und Universitäten. Zu den zentralen Persönlichkeiten zählen u. a. der Historiker Dmitrij Z. Bakradze (1826–1890), der Archäologe, Philologe und Akademie-Vizepräsident Nikolaj J. Marr (1864–1934), der Historiker und Mitbegründer der Universität Tiflis Ivane Džawachischwili (1876–1904), der Geologe Franz J. Levinson-Lessing (1861–1939), der Archäologe Iosif A. Orbeli (langjähriger Direktor der Eremitage), der Chemiker Jusif Mämmädälijew (aserb. Yusif Heydər oğlu Məmmədəliyev, 1905–1961), der Dichter Achmed Džawad (aserb. Cavad Məhəmmədəli oğlu Axundzadə, 1892–1937; Verfasser der aserbaidschanischen Nationalhymne). 

Auch Deutschstämmige leisteten Beiträge zur Entwicklung der Bildungslandschaft und der Wissenschaften sowohl durch den Aufbau eines eigenen Schulwesens als auch durch Forscher wie den Geologen Otto W. H. Abich (1806–1886) und den Übersetzer Arthur Leist (1852–1927). Die sowjetische Ideologisierung schränkte das deutschsprachige Bildungswesen stark ein. 

Architektur- und Kunstgeschichte

Die Kunst Transkaukasiens reicht bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurück und ist durch vielfältige kulturelle Schichten geprägt – von den Kulturen Urartus (9.– 6. Jh. v. Chr.) mit assyrischen Einflüssen über seleukidisch-hellenistische bis hin zu christlichen Traditionen. 

Seit dem 19. Jahrhundert trugen auch die deutschstämmigen Siedler zur Architektur- und Kunstgeschichte bei, insbesondere im Siedlungs- und Städtebau. In Baku und anderen Städten entwarfen sie Kirchen, Wohn- und Geschäftshäuser sowie Theater – meist im europäischen Stil. Ein markantes Beispiel ist das Vohrer-Haus in Goygol (Helenendorf) mit typischen deutschen Stilelementen wie geschnitztem Holz und symmetrischer Fassadengliederung. Umgekehrt beeinflussten diese Bautraditionen auch lokale Bau- und Handwerkskulturen.

Musik und Literatur

Die Musik der Region ist vielfältig: Armenien und Georgien pflegen mehrstimmige Gesangstraditionen, während Aserbaidschan das improvisierte Mugham tradiert. Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden nationale Musikschulen, die traditionelle Motive mit westlicher Komposition verbanden. Auch in der Sowjetzeit wurden klassische Musiker gefördert, Folklore blieb jedoch prägend.

Die Literatur in der Region beruht auf reichen mündlichen Überlieferungen (Epen, Märchen) sowie christlichen Schrifttraditionen (v. a. in Armenien und Georgien). Im 20. Jahrhundert entwickelten sich moderne Literaturszenen, teils im Spannungsfeld sowjetischer Kulturpolitik. Heute werden vorsowjetischen Motive, etwa Szenen aus Folklore und Heldengeschichten, wieder verstärkt rezipiert und neu verarbeitet, unter anderem im Kino und Theater. 

Auch die deutschstämmige Bevölkerung leistete kulturelle Beiträge: In Tiflis wirkte ab 1857 der Musikpädagoge Eduard Epstein.[8] In den Kolonien entstanden Chöre, Theatergruppen und Gesangsvereine, die deutsche Liedtraditionen mit lokaler Folklore verbanden. Die deutschsprachige Literatur dokumentierte das Alltagsleben der Siedler.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

In der Region existieren derzeit zwölf UNESCO-Welterbestätten,[9] darunter bedeutende Kirchen, Klöster, archäologische Stätten christlicher und muslimischer Tradition (z. B. Altstadt von Şəki mit Khanpalast in Baku). Eine gemeinsame regionale Erinnerungskultur ist jedoch durch zwischenstaatliche Konflikte (z. B. Armenien–Aserbaidschan) und innerstaatliche Spannungen (z. B. Georgien–Abchasien/Südossetien) stark eingeschränkt. Übergreifend bleibt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg: In allen Staaten wird am 9. Mai des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland gedacht.

4. Diskurse/Kontroversen

Ein zentraler Diskurs betrifft die regionale Identität zwischen Europa und Asien sowie das Spannungsfeld zwischen russischem Einfluss und nationaler Eigenständigkeit. Kontrovers ist die Frage, ob die Sowjetunion Stabilität brachte – durch Unterdrückung ethnischer Konflikte –, oder ob sie deren Wiederaufflammen nach 1991 nur aufschob. Der Bergkarabach-Konflikt beförderte nationalisierte, oft ethnopolitisch aufgeladene Geschichtsbilder. Gefordert wird daher eine entideologisierte Geschichtsschreibung, die den „Fluch der Vergangenheit“[10] überwindet. In Georgien wiederum wurde im Rahmen von Hochschulreformen die Ilia State University organisatorisch umgestaltet, was in Fachkreisen als bedeutende Veränderung bzw. Einschränkung der Universitätsstruktur diskutiert wird. 

Mit Blick auf die Kaukasusdeutschen wird diskutiert, ob das in ihren Medien betonte Lob der „deutschen Geisteskultur“ als eine Art Anspruch auf die Überlegenheit der eigenen Kultur zu ihrer Abgrenzung von anderen Bevölkerungsgruppen beitrug.[11] Ihre Selbstbezeichnung als „Kaukasusdeutsche“ statt „Russlanddeutsche“ kann indes als Ausdruck regionaler Identifikation gesehen werden.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Elchin T. Aliyev: Deutsches Erbe in der Architektur von Aserbaidschan. Baku 2017. 

  • Eva-Maria Auch: Zwischen Autarkie und Anpassung. Deutsche im multikulturellen Umfeld Südkaukasiens. In: Eva-Maria Auch (Hg.): Deutsche im multikulturellen Umfeld Südkaukasiens. Baden-Baden [Würzburg] 2017, S. 13–34 (Orientalistik 27). 

  • Dies.: Öl und Wein am Kaukasus: deutsche Forschungsreisende, Kolonisten und Unternehmer im vorrevolutionären Aserbaidschan. Wiesbaden 2001.

  • Stephen D. Batiuk: The Fruits of Migration: Understanding the ‘Longue Durée’ and the Socio-Economic Relations of the Early Trans-Caucasian Culture. In: Journal of Anthropological Archaeology, 32 (2013), S. 449–477.

  • Svante E. Cornell: The Politicization of Islam in Azerbaijan. Washington-Uppsala 2006 (Silk Road Papers).

  • Tamara Černova-Deke: Nemeckie naselenija na perifirii Rossijskoj imperii. Kavkaz: Vzgljad skvoz‘ stoletija (1817–1917) (k 190-letiju nemeckich kolonij) [Deutsche Siedlungen in den Peripherien des Russländischen Imperiums. Kaukasus: Ein Blick durch die Jahrhunderte (zum 190. Jahrestag der deutschen Kolonien]. Moskva 2008. 

  • Ėl’dar Ismailov, Rauf Karagezov: Konfrontirujuščaja kollektivnaja pamjat’ na Kavkaze: Kak preodolet’ «prokljatie prošlogo?»[Konfrontatives kollektives Gedächtnis im Kaukasus: „Wie kann der Fluch der Vergangenheit überwunden werden?“] In: Kavkaz i Globalizacija: Geokul’tura, 1/4 (2007) [Kaukasus und Globalisierung: Geokultur], S. 117–126.

  • Rena Kadyrova: Pamjat’, ėmocii i povedenie mass v situacii ėtnopolitičeskogo konflikta: Nagornyj Karabach [Gedächtnis, Emotionen und Verhalten der Massen in der Situation des ethnopolitischen Konflikts: Bergkarabach]. In: Kavkaz i Globalizacija: Geokul’tura 3–4 (2011), S. 91–105.

  • Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung – Geschichte – Zerfall. München 2001.

  • Philip L. Kohl, Gocha Tsetskhladze: Nationalism, Politics and the Practice of Archaeology in the Caucasus. In: Philip L. Kohl, Clare Fawcett (Hg.): Nationalism, Politics and the Practice of Archaeology, Cambridge 2005 [1995], S. 149–174.Antonio Sagona: The Archaeology of the Caucasus: From Earliest Settlements to the Iron Age, Cambridge 2018.

  • Viktor Krieger: Deutsche im Kaukasus. Eine vergleichende Untersuchung zu den Kolonien in Georgien und Aserbaidschan. In: Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde, 42 (2000), S. 45–72.

  • Jörg Stadelbauer: Naturraum Kaukasien. Vielfalt, Kontraste, Risiken. In: Osteuropa, 7–10 (2015), S. 7–44.

  • Ronald Grigor Suny: The Making of the Georgian Nation. 2. Aufl. Bloomington 1994.

  • Nestan Tatarashvili: Die Deutschen Siedlungen und das deutsche Architektonische Erbe in Georgien. German Settlements and architectural Heritage in Georgia. Tbilisi 2018.

  • Lilija Wedel: Deutsche Druckmedien und Werbung im Zarenreich. Regionale Fallbeispiele von ethnischer Ideologisierung, Kosmopolitismus und Konsumpolitik (1871–1914). In: JKGE: Mehrsprachigkeit in der deutschsprachigen Presse des östlichen Europas, 4 (2023), S. 89–108.

  • Christoph Zürcher: The Post-Soviet Wars: Rebellion, Ethnic Conflict, and Nationhood in the Caucasus. New York-London 2007.

Periodika

  • Kavkaz (Tiflis, 1846–1917)
  • Kaspij (Baku, 1881–1917)
  • Kaukasische Post (Tiflis, 1906–1918)
  • Tiflisskij Listok (Tiflis, ab 1902)
  • Vestnik Kavkaza (Tiflis, 1879–1880)
  • The Caucasus & Globalization
  • Proceedings of the National Academy of Sciences of the Republic of Armenia

Weblinks

Anmerkungen

[1] Eine im 1. Jahrtausend v. Chr. im iranischen Kulturraum – heute Nord-Afghanistan und Zentralasien – entstandene geprägte Religion, die auf die Lehre des Religionsstifters Zarathustra zurückgeht.

[2] Mongolisches Herrschaftsgebiet im iranisch-vorderasiatischen Raum von 1256 bis 1335, gegründet von einem Enkel des Dschingi Khan. Der Begriff leitet sich vom Titel Ilchan (etwa „untergeordneter Khan“) ab. Stand zeitweise in Rivalität zur Goldenen Horde.

[3] Auch: Zwischen Autarkie und Anpassung, S. 24; dies.: Öl und Wein am Kaukasus, S. 204.

[4] Kappeler: Russland als Vielvölkerreich, S. 163.

[5] J. Otto Pohl: Ethnic Cleansing in the USSR, 1937–1949. Westport [u.a.] 1999, S. 40, Fn. 152, S. 41, Fn. 161.

[6] Assoziation der Deutschen Georgiens „Einung“. URL: https://fuen.org/en/members/Association-of-Germans-of-Georgia-Einung?utm_source=chatgpt.com (Abruf 18.09.2025).

[7] Unterschiedliche Quellen (u.a. World Jewish Congress) nennen unterschiedliche Zahlen; im Südkaukasus gesamt zwischen ca. 6.000 und 16.000 Personen.

[8] Lebenslauf in Riemann Musiklexikon. 5. Ausg. Übers. aus dem Deutschen Ju. D. Engel, B. P. Jurgenson. Bd. 3. Moskau -Leipzig 1904 [Leipzig 1900], S. 1482–1483.

[9] World Heritage List. URL: https://whc.unesco.org/en/list/ (Abruf 25.11.2025).

[10] Ismailov, Karagezov: Konfrontirujuščaja kollektivnaja pamjat’, S. 126.

[11]Wedel: Deutsche Druckmedien, S. 94f.

Zitation

Lilija Wedel: Südkaukasus / Transkaukasien.  In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2026. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p114770 (Stand 24.04.2026).

(Stand: 07.05.2026)  Kurz-URL:Shortlink: https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p114770
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