Baku

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Baku

Amtliche Bezeichnung

aserb. Bakı

Anderssprachige Bezeichnungen

türk. Bakü; pers. Baku (باکو); russ. Baku (Баку); franz. Bakou; georg. Bako (ბაქო); armen. Bak´u (Բաքու)

Etymologie

Die Etymologie des Namens ist nicht eindeutig geklärt. Als Ableitung des Wortes Bak‘hü aus einer der altindischen Sprachen wird der Name mit Zum Feuer übersetzt, in den altiranischen Sprachen bedeutet Baku Gottesstadt, die wegen ihren zahlreichen Feuerstellen eine heilige Stätte für Feueranbeter war. Verbreitet ist zudem die Ableitung aus dem Persischen, badi-kube, Stadt der schlagenden Winde.

2. Geographie

Topographie

Baku befindet sich an der Westküste des Kaspischen Meeres, im südlichen Teil der Halbinsel Abscheron (aserb. Abşeron) auf 40°, 23' Nord und 49°, 51' Ost in einer natürlichen, wettergeschützten Bucht. Die Stadt liegt 28 Meter unter dem Meeresspiegel. Durch tektonische Verschiebungen schwankte der Wasserspiegel des Kaspischen Meeres über die Jahrhunderte erheblich, was durch zahlreiche bauliche Unterwasserfunde belegt ist. Die Stadt ist von mehreren Salzwasserseen umgeben. Aride Halbwüsten und hügelige Landschaften wechseln sich ab.

Region

Historisch ein Teil Schirwans (aserb. Şirvan), das Gebiete nördlich des Flusses Kura bis nach Derbent umfasste, wurde Baku jedes Mal dann zu einem Zentrum, nachdem die eigentliche Hauptstadt Schamachi (aserb. Şamaxı) von Erdbeben zerstört worden war (1191, 1667 und 1859).

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Baku ist seit 1991 die Hauptstadt der Republik Aserbaidschan und die größte Stadt des Landes (Januar 2020: 2,293 Mio. Einwohner). Baku war Teil des Königreichs Schirwanschah (799–1539), unterstand zu verschiedenen Zeiten dem Sassanidenreich, dem arabischen Kalifat, der mongolischen Herrschaft, dem Safawidenreich und dem Osmanischen Reich. Ab 1747 war Baku ein selbstständiges Khanat in wechselnden Bündnissen mit den Nachbarstaaten. Nach der Einverleibung in das Russische Reich 1806 wurde Baku 1840 zu einem von neun Ujezden (уезд / uezd = kleinste administrative Einheit im Zarenreich) innerhalb der Kaspischen Oblast’. Ab 1859 war die Stadt das administrative Zentrum des Gouvernements Baku. Im September 1918 wurde Baku zur Hauptstadt der Demokratischen Republik Aserbaidschan, ab 1920 der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik, anfangs im Verbund mit den beiden anderen kaukasischen Sowjetrepubliken Armenien und Georgien. Baku war die fünftgrößte Stadt der Sowjetunion.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Im Mittelalter bestand das Wappen aus einem Stier, umgeben von zwei Löwen unter Sonne und Mond, die als Symbole des ewigen Gegensatzes zweier Welten interpretiert werden. Das 1834 eingeführte neuzeitliche Wappen zeigte einen viergeteilten Schild mit einem Leoparden, drei Flammen, einem von Safranfeldern umgebenen Kamel und einem Anker. 1883 wurde das Wappen mit einem schwarzen Schild mit drei Flammen neugestaltet und mit der Abbildung der russischen Krone über dem Schild versehen. 1967 wurde das Wappen mit drei Flammen unter der Aufschrift Baku auf Russisch und fünf Wellen eingeführt, die Krone wurde entfernt. Seit 2001 ist das Wappen ein rechteckiger blauer Schild mit der Abbildung von drei Flammen. Am unteren Rand sind auf türkisblauem Hintergrund goldfarbene Wellen abgebildet. Ein schwarzer Abschnitt im unteren Bereich symbolisiert das Erdöl.

Beinamen

Stadt der Winde, gemeint ist das Wechselspiel aus dem kalten Nordwind Chasri und dem warmen Südwind Gilavar. Schwarze Stadt, nach einem Stadtteil, der während des ersten Erdölbooms (1872–1915) entstand und voller Öllachen an Bohrtürmen war. Stadt des ewigen Feuers, aufgrund der brennenden Gas- bzw. Naphtafelder. Paris des Orients, aufgrund des durch Ölreichtum entstandenen Stadtviertels mit europäischem Baustil. Schachstadt, als Heimat Garri Kasparovs (geb. 1963, Schachweltmeister 1985–1993/2000) und Teymur Radjabovs (geb. 1987, Gewinner des Schachweltpokals 2019).

Vor- und Frühgeschichte und Antike

Die Felsenzeichnungen in Qobustan, 55 km südlich des heutigen Zentrums, zeugen von frühneolithischer Besiedlung (UNESCO-Weltkulturerbe seit 2007). Siedlungen mit Felsenzeichnungen sowie Grabstätten aus der Bronzezeit befinden sich auch auf der Halbinsel Abscheron.

Allgemein sind für die Frühgeschichte Bakus nur wenige Quellen überliefert, was auf seine geringe Größe und periphere Rolle an einer Abzweigung der Seidenstraße zurückzuführen ist. Ein Gründungsdatum der Stadt ist nicht bekannt. 

Zu den früheren Siedlern zählte im 6. Jahrhundert das iranische Reitervolk der Massageten. Ein römischer Weihestein aus der Zeit Domitians (51–96), des letzten Kaisers der flavischen Dynastie, wurde in Gobustan bei Baku gefunden. Die Inschrift lautet: Imperatore Domitiano Caesare Augusto Germanico. Lucius Iulius Maximus, Centurio Legionis XII Fulminatae.  Sie ist eine der wenigen, die die Tilgung dieses Kaisers aus der römischen Geschichte überdauert haben.

Infolge der persisch-römischen Kriege wurde Baku im 4. Jahrhundert Teil des Sassanidenreiches und soll für den zoroastrischen Glauben eine wichtige Rolle gespielt haben. Die von Chosrau Anushiveran I. (501–579) ernannten Gebietsverwalter erhielten den Titel Schirwanschah (König von Schirwan).

Mittelalter

In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts kamen die Fürstentümer nördlich des Flusses Kura unter arabische Herrschaft. Ende des 8. Jahrhunderts wurden weite Teile Aserbaidschans vom Aufstand der Chürremiden erfasst, der gegen das islamische Abbasiden-Kalifat (750–1258) gerichtet war. Im 9. Jahrhundert entzogen sich die arabischstämmigen Herrscher in Schirwan immer mehr der Kontrolle des Kalifats und 861 etablierte sich das Königreich der Schirwanschachen. Die Könige besaßen die Erdölquellen in Baku und ließen Öl fördern, das vor allem für militärische Zwecke exportiert wurde, wobei Schiffsrouten über das Kaspische Meer genutzt wurden. Manutschehr III. (1120–1160), einer der bedeutendsten Könige der Schirwanschachen, heiratete Tamar, die Tochter des georgischen Königs David, und sorgte dadurch zeitweise für ein Bündnis gegen die Seldschuken.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gerieten die Schirwanschachen unter die Kontrolle der mongolischen Dynastie der Elchaniden. Während der Feldzüge des Mongolenherrschers Timur Lenk konnte der Schirwanschah Ibrahim (1382–1417) durch Tributzahlungen und militärische Hilfe gegen die mongolische Goldene Horde seinen Einfluss in der Region sichern und nach dem Tod Timur Lenks 1405 sogar mit seinem Heer bis nach Täbris im Iran vordringen.

Neuzeit

Der Gründer des safawidischen Dynastie, Schah Ismail, überfiel Baku 1501. 1538 geriet Schirwan, einschließlich Baku, endgültig unter die Kontrolle der Safawiden. Mehrere Aufstände des Bakuer Adels Mitte des 16. Jahrhunderts gegen die schiitischen Safawiden wurden durch das Osmanische Reich unter Sultan Suleyman (1520–1566) unterstützt, Baku blieb jedoch unter safawidischer Kontrolle. Der safawidisch-osmanische Frieden von 1555 währte nur 20 Jahre und Baku wechselte während des osmanisch-safawidischen Kriegs (1578–1590) mehrfach den Besitzer. Am Ende unterzeichnete Schah Abbas einen demütigenden Frieden und zog sich aus Baku und den nördlichen Provinzen Aserbaidschans zurück. Zugleich nahm er Verhandlungen mit dem Moskauer Reich auf, um ein Bündnis gegen das Osmanische Reich zu schließen. Die türkische Kontrolle am Kaspischen Meer widersprach den Handelsinteressen des Moskauer Reichs und es verbündete sich mit den Safawiden. Schah Abbas versprach, Baku und Derbent für immer an Russland abzugeben, wenn ihm geholfen würde, die Osmanen aus der Region zu verdrängen. Im erneuten Krieg (1603–1607) gegen das Osmanische Reich übernahmen die Safawiden erneut die Kontrolle über Baku, das nach diesem Krieg eine zweite Stadtmauer erhielt.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es in Russland Aufstände, die von aus der Leibeigenschaft entkommenen Bauern getragen wurden. Von den Plünderungen war auch Baku betroffen. So wurde die Stadt 1669 durch die Kosaken unter Führung Sten‘ka Razins (um 1630–1671) überfallen. Diese wurden aber schließlich nach Astrachan verdrängt.

Um eine Alternative zu den Handelswegen am Bosporus zu erschließen, begann der russische Zar Peter I. (1672–1725) in Richtung der südlichen Route nach Indien über das Kaspische Meer zu expandieren. Am 26. Juli 1723 nahm eine russische Expedition unter General Afanasij Matjuškin (1676–1737) Baku ein. Die Artillerie wurde dabei durch vom gebürtigen Brandenburger Geographen im russischen Militärdienst Johann Gustav Gärber (1690–1734) geführt, der anschließend eine frühe Landkarte mit einer Beschreibung der Region anfertigte. Trotz mehrerer lokaler Adelsaufstände blieb Baku bis 1735 unter russischer Kontrolle. Aus dieser Zeit stammen die ersten deutschen Ortsnamen in Baku: die Inseln Böyük Zirə und Daş Zirə wurden Nargen und Wulf genannt, was auf die deutschen Bezeichnungen der Inseln Naissar und Aegna bei Reval/Tallinn im heutigen Estland zurückging. Diese waren im Großen Nordischen Krieg 1710 von Russland erobert worden.

Die militärischen Erfolge von Nader Shah Afschar (1736–1747 Schah von Persien) bewegten das Russische Reich zum Rückzug aus Baku. Nach dem Tod Nader Shahs entstand in Baku ein von örtlichen Fürsten regiertes Khanat. Im Oktober 1806 wurde Baku unter Führung des Fürsten Sergej Bulgakov (? – 1824) von russischen Truppen eingenommen. Der Khan flüchtete in den Iran.

Durch den Vertrag von Gülüstan von 1813 wurde die russische Herrschaft in Baku durch den Iran anerkannt und dadurch der russisch-persische Krieg beendet. Bei der russischen Verwaltungsreform wurde Baku ein Teil des Gouvernements Schamachı.

Die Berichte zahlreicher Forschungsreisender aus Deutschland, darunter von Adam Oliarius (Ölschläger) aus Aschersleben (1636–1639), von Engelbert Kaempfer aus Lemgo (1683) und von Johann Lerch aus Potsdam (1703), stellen wichtige Ergänzungen der Stadtgeschichtsschreibung dar.

Die Industrialisierung in Russland und der damit einhergehende Ölboom bestimmten die Stadtentwicklung während des 19. Jahrhunderts. Die Versteigerung der Ölquellen 1872 zog internationales Kapital an. 1878 wurde erstmals eine Stadtduma in Baku gewählt. Ihr gehörte auch der aus dem Habsburgerreich stammende Arnold Feigl (1854–1934) an. Durch den Zuzug vieler Arbeitskräfte entstand die Grundlage einer politischen Arbeiterbewegung, die 1905 in erste Aufstände mündete. Parallel dazu begannen blutige nationale Auseinandersetzungen zwischen aserbaidschanischen und armenischen Stadtbewohnern.

Zeitgeschichte

Nach der Februarrevolution in Russland 1917 rief die Provisorische Regierung am 9. März 1917 die Sonderkommission Südkaukasien (OZAKOM) ins Leben, die sich aus den Dumaabgeordneten aus dieser Region zusammensetzte. Gleichzeitig entstanden Arbeiter- und Soldatenräte. Am 28. Mai 1918 wurde in Tiflis/Tbilisi die Aserbaidschanische Demokratische Republik (ADR) gegründet. In Baku regierte jedoch von April bis Juli 1918 die aus Bolschewiki bestehende „Kommune von Baku“ Diese Regierung der Volkskommissare verstaatlichte in umgehend die Ölindustrie und schaffte privates Wohneigentum ab. Danach übernahm die „Zentralkaspische Diktatur“ die Macht, der Sozialrevolutionäre, Menschewiki und armenische Nationalisten angehörten und die zur Abwehr vorrückender türkisch-aserbaidschanischer Truppen eine britische Expeditionsbrigade unter Führung von Generalmajor Lionel Dunsterville (1865–1946) nach Baku riefen. Am 15. September 1918 wurde Baku dennoch durch osmanische und aserbaidschanische Truppen eingenommen. Nach dem Waffenstillstand von Moudros vom 30. Oktober 1918 mussten die türkischen Truppen den Transkaukasus verlassen und die Eisenbahnlinien sowie die Stadt Baku den Alliierten übergeben. Die ADR-Regierung konnte sich mit der britischen Kontrolle arrangieren und nun ihre Macht festigen, so dass das Parlament der ADR im Dezember 1918 in Baku seine Arbeit aufnehmen konnte. Die deutschen Siedler Aserbaidschans wurden im Parlament durch Lorenz Kuhn (1884–1942) aus der deutschen Kolonie Helenendorf vertreten. In seinem Grußwort pries er das „hundertjährige, der Arbeit gewidmete, gut nachbarschaftliche Zusammenleben mit den Ureinwohnern“ des Landes und sprach von „Zuversicht der Deutschen im Kaukasus, unter dem Schutz der Gesetze der jungen aserbaidschanischen Republik den nationalen Charakter der Deutschen weiterhin bewaren [sic] zu können"[1].

Am 28. April 1920 marschierte die Rote Armee in Baku ein und beendete die kurzlebige unabhängige Republik. Die neugegründete Sowjetrepublik Aserbaidschan vereinte sich am 12. März 1922 mit Armenien und Georgien zur Südkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (ZSFSR), die Gründungsmitglied der Sowjetunion wurde. Nach Auflösung der ZSFSR 1936 bildeten die drei Teilgebiete eigene Sowjetrepubliken.

Während des Zweiten Weltkrieges spielte Baku als Erdöllieferant, als Rückzugsgebiet für Verwundete sowie für die Aufnahme von Binnenflüchtlingen aus dem europäischen Teil der Sowjetunion eine wichtige Rolle. Während des politischen Tauwetters der 1960er Jahre erfuhr Baku einen kulturellen Aufschwung.    

Am 18. Oktober 1991 erklärte das Parlament die Unabhängigkeit Aserbaidschans. Nach häufigen Machtwechseln während des ersten Krieges in Berg-Karabach (1991–1994) etablierte sich in Baku Heydar Aliyev, der frühere Sekretär der Kommunistischen Partei Aserbaidschans, als Staatsoberhaupt. Er unterzeichnete internationale Öllieferverträge, die für einen zweiten Ölboom in Baku den Weg ebneten.

Verwaltung

Baku wird durch einen Stadtverwalter (Leiter der Exekutive) regiert, der durch den Präsidenten der Republik ernannt wird. Die Einführung eines gewählten Bürgermeisters gehört zu den Forderungen zahlreicher politischer Gruppen. Die Stadt besteht aus zwölf administrativen Einheiten.

Bevölkerung

Strabon (63 v. Chr. – 23 n. Chr.) bezeichnete in seiner Geographica die Bevölkerung zwischen Iberien (Ostgeorgien) und dem Kaspischen Meer als Albaner, neuzeitliche Quellen nennen sie Muslime, Perser oder Tataren.

Nach der ersten russischen Eroberung 1723 verordnete Zar Peter I. die Ansiedlung von Armeniern in Baku. Für den Schiffsbau wurden Tschuwaschen und Tataren aus dem Wolgagebiet rekrutiert.

Laut Abbasqulu Bakichanov (1794–1847), dem Gründer der aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft, war die Bevölkerung der Region Schirvan besonders von Umsiedlungen infolge der vielen Kriege geprägt und bestand aus diversen persischen, arabischen, mongolischen und tatarischen Stämmen. Die wenigen Armenier und Juden Derbents, Bakus und Gubas hätten sich mit der muslimischen Bevölkerung vermischt.[2]

1849 war Baku noch eine kleine Provinzstadt mit nur 7.400 überwiegend muslimischen Einwohnern.[3] Nachdem Baku zum Zentrum des Gouvernements geworden war, lebten hier 1863 ca. 14.000 Menschen. Eine größere Zahl von Deutschen wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ansässig. Nach der Freigabe der Erdölkonzessionen 1872 wuchs die Bevölkerung in Baku und seinem Umland bis 1897 auf 182.897[4] Menschen, wobei der Anteil der russischen und armenischen Einwohner stieg. Binnen 34 Jahren hat sich die Bevölkerung also verdreizehnfacht.

Mit 2.460 Personen machten die Deutschen 1,3 Prozent der Stadtbevölkerung aus. Sie waren einerseits Nachfahren der Kolonisten, die sich 1817/1818 nach ihrer Auswanderung aus Württemberg im Südkaukasus angesiedelt hatten, andererseits Beamte und Offiziere, Lehrer und Gewerbetreibende russlanddeutscher Herkunft. Darüber hinaus waren zahlreiche ‚Reichsdeutsche‘ in Baku als Ingenieure und Geschäftsleute tätig, darunter Fachleute von Siemens und Halske, die in den 1880er Jahren die Elektrifizierung einzelner Betriebe durchführten, außerdem Experten, die an der Lösung des Trinkwasserproblems von Baku arbeiteten.

1913 zählte Baku 206.000 Einwohner, davon ca. 4.000 Deutsche. Die Vertreter deutscher Firmen waren wichtige Mittler von technischen Neuerungen aus Westeuropa. 1926 lebten in Baku 6.357 Deutsche.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Deutschen in der Sowjetunion pauschal der Kollaboration verdächtigt. Ab Oktober 1941 wurden aus der Aserbaidschanischen SSR 22.741 Deutsche nach Kasachstan deportiert. Nur wenige, die Ehepartner anderer Nationalität hatten, konnten bleiben. Am 13. Dezember 1955 bekamen die Betroffenen durch entsprechende Dekrete des Obersten Sowjets der UdSSR die Möglichkeit, die zentralasiatischen Sondersiedlungen wieder zu verlassen, jedoch war eine Rückkehr in die früheren Wohnorte nicht gestattet. Erst die Erklärung des Obersten Sowjets der vom 14. November 1989 führte zu einer Rehabilitierung.

1979 lebten in Aserbaidschan insgesamt nur noch 1.048 Deutsche, davon 793 Frauen. Die Bewegung Wiedergeburt, in welcher sich 1989–1991 bis zu 100.000 Russlanddeutsche unterschiedlicher Altersgruppen engagierten,[5] hatte auch in Baku eine Niederlassung gegründet. Dennoch zählte die deutsche Minderheit in Aserbaidschan 2018 weniger als 500 Personen, von denen nur noch wenige Deutsch als Muttersprache verwendeten.[6]

%

1926[7]

1959

1970

1979

1989

1999[8]

Aserbaidschaner

26,1

37,8

46,3

55,7

66

88

Russen

35

34,2

27,7

22

16,5

6,7

Ukrainer

1,8

1,4

1,1

1

1

1,4

Armenier

16,9

17,2

16,4

14,1

10

0,02

Juden

4,8

3,0

2,4

1,7

1,3

0,3

Tataren

2,0

2,6

2,1

1,7

1,4

1,6

Lezghier

0,8

1,6

1,9

1,9

2,1

1,5

Deutsche

1,4

-

-

-

-

-

Gesamt

453.333

967,6

1.265,5

1.549,8

1.794,9

1788,9

Im Zuge des Karabach-Krieges in den 1990er Jahren kamen ca. 207.000 aserbaidschanische Flüchtlinge aus Armenien überwiegend nach Baku und Sumqait (aserb. Sumgayıt), gleichzeitig mussten ca. 200.000 Armenier Baku verlassen. Die Zahl der aserbaidschanischen Binnenflüchtlinge aus Karabach, die in Baku unterkamen, wird auf mehrere Tausend geschätzt. Nach 1991 überwog der Anteil der aserbaidschanischen Bevölkerung deutlich, jedoch war unter den Alteingesessenen Russisch als Kommunikationssprache weiterhin gebräuchlich.

Wirtschaft

Traditionell waren Erdöl, Salz und Safran die wichtigsten Handelsgüter von Baku.

In Folge der großen Reformen in Russland nach der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 unter Zar Alexander II. (1818–1881) erlebte das Russische Reich einen industriellen Aufschwung. Die Ölquellen von Baku lieferten die hierzu notwendige Energie. 1898 überholte das Bakuer Revier die amerikanische Produktion und wurde zum weltweit größten Erdölfördergebiet. Neben den Gebrüdern Nobel und Rothschild waren vereinzelt deutsche Unternehmen wie das Handelshaus Benkendorf in der Ölbranche aktiv. 1868 baute die Firma Siemens und Halske Telegrafenverbindungen von Tiflis nach Baku, ein Meilenstein in der Entwicklung der Stadt. Bereits 1880 verfügte die Stadt über ein gut entwickeltes Schienennetz für den Transport von Öl. Der deutsche Unternehmer Gustav List sicherte sich Monopolrechte für die Verlegung des Telefonnetzes, das zur Jahrhundertwende 1.146 Anschlüsse verband.

In der Sowjetzeit wurden Betriebe der verarbeitenden Industrie, der Textilindustrie und Hersteller von Haushaltsgeräten angesiedelt. Erdöl spielte weiterhin eine dominante Rolle und während des Zweiten Weltkriegs erreichten die Liefermengen Rekordniveau. 1948 wurde Neft daşları, eine Stadt auf Stahlpfählen, im Kaspischen Meer gebaut, in der 5.000 Arbeiter Ölförderung betrieben. 

Nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans 1991 und dem wirtschaftlichen Kollaps in der Region wurde Baku durch die internationalen Öllieferverträge von 1994 erneut zu einer Wirtschaftsmetropole. Großveranstaltungen wie der Eurovision Song Contest, Formel 1 City Circuit, Europaspiele oder Islamic Games förderten den Veranstaltungstourismus. 

1999 wurde in Baku der Deutsch-Aserbaidschanische Wirtschaftsförderverein gegründet, in welchem sich die Vertreter der deutschen Wirtschaft zusammenschlossen. 2012 wurde der Verein zur deutschen Außenhandelskammer umgewandelt, die 140 Unternehmen umfasste.

Militärgeschichte

Die Einquartierung einer römischen Legion im 1. Jahrhundert kann nur vermutet werden. Die Kaspische Flottille des russischen Zarenreichs wurde 1867 aus Astrachan nach Baku verlegt.

Im Ersten Weltkrieg wurde in Baku 1915 eine Offiziersschule für Marinefliegerei gegründet, die aufgrund der eisfreien Übungsmöglichkeiten rund um das Jahr eine bedeutende Einheit der Seestreitkräfte des Zarenreiches darstellten. Die Stadt geriet 1918 abwechselnd unter türkische, britische und russische Kontrolle.

Im Zweiten Weltkrieg gehörte Baku zu den Zielen des ,Unternehmens Edelweiß‘ des Dritten Reiches. Die deutsche Luftwaffe unternahm nicht weniger als 74 vergebliche Versuche in den Luftraum von Baku, das gänzlich unbeschädigt blieb, einzudringen Zur Irreführung war durch den Architekten Konstantin Senčichin 30 Kilometer von Baku entfernt eine Attrappe mit den Konturen der Stadt gebaut worden.

Im Laufe des 44-Tage-Krieges zwischen Armenien und Aserbaidschan im Herbst 2020 wurden mehrere armenische Mittelstreckenraketen in der Umgebung von Baku von der aserbaidschanischen Luftabwehr abgeschossen.

Gesellschaft

Nach der Kolonisierung durch Russland 1806 wurde die Stadt von einer ethnisch heterogenen, russischen Beamtenschaft regiert, zu der der dänische Baron Justus Hübsch von Grossthal (1882–1888) und der georgischstämmige Michail Nakaschidze (1904–1905) gehörten. Die einheimischen Adligen bzw. die Nachkommen des Khans wurden dennoch in den Staatsdienst integriert, um deren Loyalität zu sichern. Der Ölboom zog nicht nur ausländisches Kapital an, sondern förderte auch die Entstehung eines einheimischen Bürgertums. Für die soziale Stellung waren weniger Herkunft oder Bildung, sondern der Ertrag des gepachteten Grundstücks maßgebend. So konnten ungelernte Arbeiter oder Handwerker in kurzer Zeit zu reichen Mäzenen werden.

Baku zog auch tausende Arbeiter aus den aserbaidschanischen Provinzen im Nordiran, aus dem Kaukasus und aus ländlichen Gebieten Russlands an. So entstanden große aserbaidschanische, armenische und russische Arbeitergruppen, die eher nebeneinander lebten. Während die russischen und armenischen Arbeiter gelernte und besser bezahlte Tätigkeiten übernahmen, waren die aus dem Iran Einwandernden meist billige Saisonkräfte für gefährliche Ölquellenbohrungen. Die starke Arbeiterbewegung im Untergrund bildete eine Art Kaderschmiede der späteren kommunistischen Führung der Sowjetunion. In Baku etablierten sich auch deutsche, georgische, jüdische und polnische Gemeinschaften, die im Parlament der ersten Republik vertreten waren.

Religions- und Kirchengeschichte

Im Zuge der Islamisierung Aserbaidschans im 7. Jahrhundert wurden die früheren heidnischen bzw. zoroastrischen Tempel in Moscheen umgewandelt. Ab dem 12. Jahrhundert war Baku eines der Zentren des mystischen Sufi-Ordens, der im Mittelalter in Schirwan einflussreich war. Ein bekannter Vertreter war Seyid Yəhya Bakuvi (1403–1466), der zahlreiche Schriften über die Philosophie des Chalvati-Orden verfasste. Die wichtigsten spirituellen Praktiken waren der Rückzug ins Gebet und die Entsagung materieller Güter.

1849 gab es in Baku elf Moscheen sowie je eine orthodoxe, katholische und armenisch-apostolische Kirche. Die Muslime waren seit der frühen Neuzeit überwiegend schiitischen Glaubens, dennoch gab es mehrere sunnitische Moscheen, wie z. B. die von den Arbeitern aus Dagestan besuchte Ləzgi Məscidi in der Altstadt. 1872 wurden nach dem Beispiel der russisch-orthodoxen Kirche zwei Religionsverwaltungen für Muslime im Südkaukasus mit Zentrum in Tiflis eingerichtet, die auch in Baku ihre Vertretungen hatten. 1918 wurde das Zentrum der Behörde nach Baku verlegt. Nach der Sowjetisierung wurde die Behörde abgeschafft und erst 1943 wieder zugelassen, um die Unterstützung der muslimischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg zu sichern. Die Verwaltung für Muslime bestand aus einem schiitischen Vorsitzenden und einem sunnitischen Stellvertreter. Das Amt sieht sich als Bewahrer der Tradition, das die gemeinsame Nutzung der Moscheen von beiden Konfessionen sichert. Die Konfession wird in der Statistik nicht erfasst. 

In Surachani, 30 km vom Stadtzentrum entfernt, wurde ein alter Feuertempel (aserb. Atəşgah) 1713 wiederaufgebaut und bis 1883 von den indischen Feueranbetern als Pilgerort benutzt.

Konfessionelle Zusammensetzung von Baku 1897 (182.897 Einwohner):[9]

Religion

1897

Muslime

57,7

Christen

41

 

davon Orthodoxe

 

23,8

Armenier

 

12,3

Lutheraner

 

2,9

Altgläubige

 

1,7

Römisch-Katholisch

 

0,8

Juden

1,9

Die Katholiken Bakus feierten noch 1853 ihre Ostergottesdienste zusammen mit anderen Konfessionen in einer orthodoxen Kirche.

Ab 1882 verfügte die Gemeinde über eine Kapelle, ein Kirchengebäude wurde 1912 fertiggestellt und 1938 im Zuge der Atheismuskampagne zerstört. Nach dem Besuch Papst Johannes Pauls II. 2002 wurde eine neue Kirche der unbefleckten Empfängnis der Hl. Jungfrau Maria gebaut. Der apostolische Präfekt von Baku hat seit 2017 Bischofsrang.

Der Bau der wichtigsten russisch-orthodoxen Kirche, der Aleksandr Nevskij-Kathedrale, wurde aus Spenden der muslimischen und jüdischen Gemeinden mitfinanziert. Der Grundstein für das einst höchste Gebäude der Stadt wurde während des Besuchs des Zaren Alexander III. (1845–1894) 1888 gelegt. 1938 wurde die Kirche zerstört.

Die wachsende deutsche Gemeinde Bakus beauftragte 1896 den Architekten Adolf Eichler mit dem Bau einer Kirche, die dem schlichten Gotteshaus in der deutschen Siedlung Helenendorf/Göygöl ähnlich sein sollte. Eichler orientierte sich jedoch an der Elisabethkirche in Marburg/Lahn. Die neue Erlöserkirche im Stil der Neogotik wurde 1899 eingeweiht und diente neben den Kaukasusdeutschen auch den nordeuropäischen Einwohnern Bakus als Gotteshaus, wie z. B. der schwedischen Familie Nobel. Die evangelisch-lutherische Kirche der deutschen Gemeinde blieb von den Zerstörungen während der antireligiösen Kampagnen verschont und diente als Werkstatt. Aufgrund der Glasfenster im Kirchturm bot das Gebäude einen gut beleuchteten Raum, der für die Herstellung der neun Meter hohen Statue von Sergej Kirov (1886–1934, Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Aserbaidschans 1921–1926) genutzt wurde.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in Baku eine Gemeinde der Bahai, die nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans 1991 knapp 2.000 Mitglieder hatte und offiziell zugelassen wurde.

2021 gibt es in Baku etwa 30 Moscheen, eine katholische Kirche, drei russisch-orthodoxe Kirchen und zwei Synagogen. Die evangelische Kirche untersteht der Staatsphilharmonie und wird sowohl für die Gottesdienste der Gemeinde als auch als Konzerthalle für Kammer- und Orgelmusik benutzt. Die armenische Kirche steht unter Denkmalschutz und wurde seit 1988 nur einmal für einen Gottesdienst benutzt.

Besondere kulturelle Institutionen

Das erste aserbaidschanische Theaterstück wurde in Baku 1873 uraufgeführt. Mirzə Fətəli Axundovs (1812–1878) Drama Vezir des Khans von Lenkoran brach die Dominanz des Persischen als Literatursprache. 2020 gab es in Baku elf staatliche bzw. städtische Theater, darunter das Russische Theater. Das Staatliche Theater für Pantomime ist in einer alten Synagoge untergebracht. Zwei private Ensembles treten in diversen Einrichtungen auf. 

Baku beherbergt 33 Museen, darunter das Geburtshaus des berühmten Cellisten und Dirigenten Mstislav Rostropovič, in dem auch an dessen Vater, den Musiker Leopol‘d Rostropovič erinnert wird, sowie das Museum für Kleinstbücher in der Altstadt. Während des Zweiten Weltkriegs landeten im Kunstmuseum Aserbaidschans in Baku mehrere Exemplare an Beutekunst, darunter Das Frauenbad (1496) von Albrecht Dürer aus der Bremer Kunsthalle. Aserbaidschan gab seit Ende 1990er Jahren mehrere Kunstwerke an Deutschland zurück.

Kultur- und sozialgeschichtlich spielt der Nationalpark Bakuer Boulevard eine herausragende Rolle. Die Stadtmauern der Meeresseite waren schon in den 1880er Jahren abgetragen worden, da der Erdölhandel eine Hafenerweiterung notwendig gemacht hatte. Anstelle von Altstadtmauern und engen Gassen war ein für europäische Städte üblicher öffentlicher Raum entstanden, an dessen Gestaltung armenische, aserbaidschanische, deutsche, russische und vor allem polnische Architekten mitgearbeitet hatten. Zur 650 Meter langen grünen Oase und Flaniermeile in karger Wüstenlandschaft gehörten 1909 ein öffentliches Strandbad sowie ein Theater. Die anfangs mit Einlasskontrolle nur für die Oberschicht zugängliche Strandpromenade wurde in der Sowjetzeit zum wichtigsten Ort für die Erholung der Arbeiter und deren Familien. 2015 wurde die Promenade um 16 Kilometer erweitert und schließt nun das Teppichmuseum, das Museum für Musikinstrumente im Zentrum für traditionelle Mughammusik sowie mehrere aus der Erdölförderung stammende Industriedenkmäler ein. Mugham ist seit 2008 als nichtmaterielles UNESCO-Weltkulturerbe gelistet.

Bildung und Wissenschaft

Die erste weltliche muslimische Frauenschule (1901), finanziert durch den Wohltäter und Mäzen Hadschy Seynalabdin Tagiyev (gest. 1924), wurde nach der russischen Zarin Aleksandra Fёdorovna (1872–1918) benannt und galt als erste Schule ihrer Art in der muslimischen Welt.

Die Universität wurde 1919 während der ersten Republik gegründet, zu den Studierenden gehörte der spätere Nobelpreisträger für Physik Lev Landau (1908–1968). Internationalen Ruf genoss die Hochschule für Erdöl und Chemie; auch die Akademie der Wissenschaften hatte einen Schwerpunkt in der Chemie. Bei der Etablierung der Kunstakademie, der Musikhochschule sowie der Medizinischen Universität wirkten in der Gründungsphase zahlreiche Wissenschaftler aus dem europäischen Teil Russlands mit. Bei der Gründung war die Lehr- und Forschungssprache Russisch.

Alltagskultur

Im Mittelalter diente Baku als Rückzugsort der Schirwanschah-Dynastie sowie deren sufistischer Religionsgelehrter. Die mittelalterlichen Bauten und Paläste sind klein dimensioniert, die Wohnhäuser besitzen überwiegend flache Dächer, die im Sommer abendliche Abkühlung bieten.

Da es in Baku und Umgebung keine natürlichen Trinkwasservorkommen gibt, waren bei allen Wohnsiedlungen Grundwassersammelbecken (ovdan) mit einem Überbau zum Windschutz installiert worden. Ein komplexes Leitungssystem (kəhriz) versorgte im 14. Jahrhundert die Stadt mit Wasser. Ein historisches Kanalisationssystem, das aus flachen Steinplatten zusammengebaut war, wurde auf das 14. und teilweise auf das 17. Jahrhundert datiert.

Zahlreiche Einwohner von Baku hatten für die Sommermonate Häuser mit Gärten weit außerhalb der Stadt errichtet, wo sie Feigen, Weintrauben, Granatäpfel und schattenspendende Maulbeerbäume anbauten. Eine beliebte Freizeitbeschäftigung war die Taubenzucht, die auf den flachen Dächern in kleinen Verschlägen betrieben wurde. 

Infolge der Anwesenheit zahlreicher Arbeiter von auswärts wies die Bevölkerungsstatistik 1897 einen deutlichen Männerüberschuss aus. Während des ersten Ölbooms entwickelten sich private Sicherheitsdienstleister, genannt Qoçu. Bis in die 1910er Jahre waren Hausnummern nicht gebräuchlich, stattdessen wurden die Namen der Besitzer in Adressbüchern verzeichnet.

Die deutsche Gemeinde spielte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert eine Rolle im Alltag der bürgerlichen Oberschicht: Ein Fröbel-Kindergarten, deutsche Lehrer in den Gymnasien und Schulen, Kinderfrauen und Gouvernanten waren gefragt. Im Post- und Telegrafennetz sowie bei der Elektrifizierung der Stadtteile waren deutsche Spezialisten aktiv. Jährliche Tanzfeste von allen Volksgruppen, einschließlich der Deutschen aus dem Kaukasus, waren ein fester Bestandteil des Kalenders, Auch ein deutsches Damenorchester war aktiv.

Kunstgeschichte

Topographisch sind drei Stadtteile zu unterscheiden: die gewachsene Altstadt mit dem mittelalterlichen Palast, mit Moscheen und Bädern, sodann die in der Neuzeit geplante Außenstadt und die in der Sowjetzeit entstandenen Großwohnsiedlungen. 

Die sogenannte „Bakuer Eklektik“ verband verschiedene europäische Baustile mit der filigranen einheimischen Steinmetzkunst. Die aus dem örtlichen Muschelkalkstein Aglay gehauenen Ornamente waren in der Neuzeit ein wesentliches Dekorationselement in der Stadt.

Die in Baku tätigen deutschstämmigen Architekten waren russische Staatsbürger: Der Deutschbalte Ferdinand Lemkuhl (1822–1894) baute die armenische Kirche Gregor des Erleuchters (1867–1869) und war Architekt des ersten Theaterhauses in Baku (1883). Adolf Eichler, geboren in Orёl, war 1892–1911 Bezirksarchitekt der Stadtverwaltung und baute neben der protestantischen Elisabethenkirche die Aşumov-Moschee, eine Schule und private Häuser. Nikolaus von der Nonne (1836–1906) aus St. Petersburg war ab 1883 Stadtingenieur und erarbeite 1897 im Auftrag der Stadtduma den Generalbebauungsplan von Baku. Zwischen 1898 und 1902 war er Oberhaupt der Stadt.

Nach der Sowjetisierung Aserbaidschans wurden außerhalb der Stadt viele Einfamilienhäuser für Arbeiter gebaut, bevor der Konstruktivismus bei öffentlichen Bauten wie den Arbeiterklubs der Gebrüder Vesnin und den Arbeiterkantinen von Mikayıl Hüseynov und Sadıx Dadaşev Einzug hielt und die Architektur der Sowjetmoderne ab 1950 prägte. Unter den Monumentalbauten der Stalin-Ära ist das 1952 fertiggestellte „Regierungshaus“ nach einem Projekt von Lev Rudnev (1885–1956) zu erwähnen.

Während Ilham Aliyevs Präsidentschaft ab 2003 ermöglichten große Öleinnahmen einen Bauboom mit Projekten wie dem Heydar-Aliyev-Zentrum (Zaha Hadid) und Khazar Islands, dem Teppichmuseum (Franz Janz) oder der White City, die die „Schwarze Stadt“ ablöste.

Das deutsche Unternehmen Wintershall finanzierte 1997 die İnstandsetzung des Kapellhauses, das nun Sitz des deutsch-aserbaidschanischen Kulturvereins und des Goethe-Zentrums ist.

Musik

Im Januar 1908 wurde in Baku die erste Oper in der muslimischen Welt uraufgeführt, Leyli und Medschnun von Uzeyir Hadschibeyov (1885–1948). Arsenij Avraamovs (1886–1944) Symphonie der Sirenen (Simfonija gudkov, 1921) wurde anlässlich des fünften Jahrestags der Revolution am 7. November 1922 in Baku uraufgeführt. Der für seine Filmmusik und das Ballett Sieben Schönheiten (Yeddi gözəl, 1952) bekannte Komponist Qara Qarayev (1918–1982) leitete die Staatsphilharmonie (1941–1942). Fikret Amirov (1922–1984) schuf in Baku das Genre des sinfonischen Mughams mit den Werken Schur und Kurdovschari (beide 1948).

Buch-, Druck- und Mediengeschichte

Am 22. Juli 1875 wurde in Baku die erste aserbaidschanische Zeitung Ekinchi (Der Pflüger) herausgegeben. Molla Nasreddin, die erste Satirezeitschrift unter Redaktion von Dschalil Mammadquluzade (1896–1932), brachte eine Reihe von aserbaidschanischen Literaten hervor. Dabei trugen die Karikaturen des deutschstämmigen Oskar Schmerling (1867–1938) maßgeblich zum Erfolg bei. Ab 1890 war im Untergrund die Druckerei Nina aktiv, die die sozialdemokratische russische Zeitung Iskra (Funke) in Baku vertrat.

1906–1914 und 1918–1922 war die wöchentlich in Tiflis erscheinende „Kaukasische Post“ verfügbar, die einzige deutsche Zeitung des Kaukasus. Zwischen 1920 und 1930 erschienen in Aserbaidschan die Zeitungen Bauer und Arbeiter und Lenins Weg auf Deutsch.

Literatur

In Baku entwickelte sich eine Form von rhythmisch-spontaner Dichtkunst, die traditionell in geselligen Wettbewerben in den Weinhäusern vorgetragen wurde und daher den Namen Meyxana (Weinhaus) bekam. Ihr bedeutendster Vertreter war Əliağa Vahid (1895–1965), der mit einem Denkmal in der Altstadt geehrt wurde. Seit den 2000er Jahren sind zunehmend Frauen in dieser Satire, Spott, Tagespolitik, Liebe und Philosophie einschließenden Genre anzutreffen.

Die politischen Umwälzungen in Baku von Anfang des 20. Jahrhunderts sind im Roman Ali und Nino von Essad Bey literarisch verarbeitet (deutsche Ausgabe 1937).

Der armenisch-aserbaidschanische Schriftsteller Aleksandr Širmanzade (auch Movsisjan, 1858–1935) schrieb über das Arbeiterleben das Werk Brand in den Ölfeldern (Požar na neftjanych promyslach, 1880). 

Manaf Süleymanovs (1912–2001) Zeitzeugenbericht Gehört und gesehen (–Eşitdiklərim, oxuduqlarım, gördüklrim, 1987) betrifft das vorrevolutionäre Baku. Stalins Tätigkeit im Bakuer Untergrund wird im Kriminalroman Schwarze Stadt (Černyj gorod, 2012) von Boris Akunin beleuchtet.

Die Kahans aus Baku: Eine Familienbiographie (2018) von Verena Dohrn gibt Einblicke in das jüdische Leben während des ersten Ölbooms. 

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Der erste Kongress der Ostvölker (1.–7. September 1920) hatte das Ziel, Baku als Modell für die Verbreitung der kommunistischen Ideen im Osten zu etablieren. Im gleichen Jahr entstand das Karl-Marx-Denkmal, das erste Personendenkmal Aserbaidschans. Die meisten kommunistischen Denkmäler wurden Ende der 1990er Jahre demontiert. Geblieben sind einige in der Identität des Landes verankerte Denkmäler wie die Statue einer befreiten Frau (1960).

Im 19. und 20. Jahrhundert gab es mehrfach Straßenumbenennungen. Die kommunistischen Straßennamen wurden in den 1990er Jahren überwiegend durch die Namen der Gründer der ersten Republik oder der Kriegsgefallenen im Karabach-Krieg ersetzt.

Zentrale Gedenkstätte von Baku ist der Märtyrerfriedhof auf dem höchsten Hügel der Stadt, wo die Opfer des Einmarsches der Sowjettruppen am 20. Januar 1990 sowie die Opfer des ersten Karabach-Krieges begraben sind. Darüber hinaus befinden sich dort ein Gedenkstein für britische sowie eine Stele für türkische Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg sowie das Denkmal des Generals Hazi Aslanov (1910–1945). Hier wird jährlich am 9. Mai der Tag des Sieges über den Faschismus gefeiert.

Die Altstadt von Baku ist seit 2000 UNESCO-Weltkulturerbe. 2009 war Baku islamische Kulturhauptstadt. Das Wahrzeichen der Stadt war lange Zeit der sogenannte Jungfrauenturm, der ein zoroastrischer Gebetsort gewesen sein soll. Seit der Fertigstellung des 182 Meter hohen Flame Towers 2012 sind die drei flammenförmigen Bauten das Wahrzeichen Bakus.

Der bei Baku geborene deutschstämmige Richard Sorge (1895–1944), promovierter Philosoph, Journalist und überzeugter Marxist, war als sowjetischer Agent für den Militärnachrichtendienst tätig.

Einer von insgesamt dreizehn Kriegsgefangenenfriedhöfen in Aserbaidschan liegt in Baku. Diese wurden im Rahmen des Kriegsgräberabkommens zwischen Deutschland und Aserbaidschan vom 22. Dezember 1995 durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. instandgesetzt. Die Friedhöfe werden jährlich am Volkstrauertag im November von Angehörigen der Deutschen Botschaft und Vertretern der evangelischen Gemeinde besucht.

Im Dezember 2019 wurde das 200-jährige Jubiläum der Ansiedlung der Deutschen in Aserbaidschan gefeiert.

4. Diskurse/Kontroversen

Das in Baku zu beobachtende Aufeinandertreffen mehrerer Zivilisationen aus verschiedenen Epochen wird unterschiedlich wahrgenommen. Die stadtgeschichtliche Literatur zeichnet überwiegend das nostalgische Bild einer kosmopolitischen Kultur, die seit der Stadterweiterung während des ersten Ölbooms ein Schmelztiegel verschiedener Nationalitäten gewesen sei, eine ganz besondere Identität und einen eigenständigen Kulturraum entwickelt habe (Fuad Axundov, Farid Alakbarli).

Die internationale Forschungsliteratur betrachtet Baku überwiegend als Peripherie von Imperien. Jörn Grünewald ordnet die dortige Arbeiterkultur und den von ihr verursachten Modernisierungsschub nach 1920 als Produkt einer ‚eurozentristischen Zivilisierungsmission‘ ein. Der Berliner Historiker Jörg Baberowski betont ein Nebeneinander statt Miteinander der verschiedenen ethnischen Gruppen um die Jahrhundertwende. Zaur Gasimov betrachtet das Narrativ des „kosmopolitischen Baku“ als imperiales Produkt, das durch die Suche nach Normalität und Stabilität nach einem gewaltsamen Krieg entstanden sei und eher auf einer staatlichen Homogenisierungspolitik durch Russifizierung beruht habe als auf der Überwindung der Nationalismen.[10]

Infolge der Russifizierung des Kulturlebens und der Prestigeträchtigkeit des Russischen entstand eine ethnienübergreifende Subkultur der Bakincy (Bakuer), der russischsprachigen Aserbaidschaner, Juden und Armenier, die untereinander wie auch mit den russischen und anderen slawischen Einwohnern der Stadt sowie zunehmend innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe auf Russisch kommunizierten. Im russischsprachigen, ethnienübergreifenden Bakincy-Milieu entstanden einerseits ein lokaler, auf Baku bezogener Humor, eigene Lieder und hybride Formen der Festkultur, andererseits entfaltete sich diese lokale Subkultur auf Kosten der aserbaidschanischen, armenischen, bergjüdischen und anderer Sprachen, die im Baku der 1980er Jahre deutlich weniger gesprochen wurden als noch ein halbes Jahrhundert zuvor. Auch wenn in Baku vermeintlich oder tatsächlich eine Gesellschaft mit kosmopolitischem Selbstbild und Irrelevanz der ethnischen Zugehörigkeit entstand, waren dennoch nationalistische Untergrundorganisationen erfolgreich. So mobilisierte die armenische politische Organisation Krunk (Armenisch für Kranich) Hilfe für die Armenier in Berg-Karabach, während die Aserbaidschaner gegen die armenischen Sezessionsbestrebungen mobilisierten und sich der starken Russifizierung der Stadt widersetzten. Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan mit hunderttausenden Flüchtlingen überlagerte die kosmopolitische Identität der heterogenen urbanen Bevölkerung Bakus und veränderte die ethnisch-religiöse Struktur.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Eva-Maria Auch: Deutsche im multikulturellen Umfeld Südkaukasiens. Baden-Baden 2017 (Bibliotheca Academica – Reihe Orientalistik, Band 27).
  • Eva-Maria Auch: Deutsche Spuren in Aserbaidschan. Forschungsreisende, Kolonisten und Unternehmer zwischen Großem Kaukasus und Kaspischem Meer. Baku 2014.
  • Eva-Maria Auch, Manfred Nawroth: Entgrenzung. Deutsche auf Heimatsuche zwischen Württemberg und Kaukasien. Berlin 2017 (Potsdamer Bibliothek Östliches Europa).
  • Sara Aşurbəyli: Bakı şəhərinin tarixi, orta əsrlər dövru [Die Geschichte der Stadt Baku im Mittelalter]. Baku 1998.
  • Jörg Baberowski: Nationalismus aus dem Geist der Inferiorität. In: Geschichte und Gesellschaft, 26. Jahrgang / Heft 3, (Juli–September 2000), S. 371–406.
  • Benjamin Conrad, Lisa Bicknell (Hg.): Stadtgeschichten. Beiträge zur Kulturgeschichte osteuropäischer Städte von Prag bis Baku. Bielefeld 2016.
  • Šamil Fatullayev-Figarov: Architekturnaja Ėnciklopedija Baku [Architekturenzyklopädie Baku]. Baku 2013.
  • Zaur Gasimov: The Languages of Caucasian Cosmopolitanism: Twentieth-Century Baku at the Crossroads. In: Dina Guseynova (ed.): Cosmopolitanism in Conflict Imperial Encounters from the Seven Years’ War to the Cold War. London 2018, S. 247–269.
  • Bruce Grant: Cosmopolitan Baku. In: Ethnos 75: 2 (June 2010), S. 123–147.
  • Jörn Grünewald: Baku und Odessa. Arbeiterkultur an der sowjetischen Peripherie (1920–30). Berlin 2004. 
  • Mammad Jafarli: Politischer Terror und das Schicksal der aserbaidschanischer Deutschen. Stuttgart 2012.
  • Heike Maria Johenning: Architekturführer Baku. Berlin 2018.

Periodika

  • Jahrbuch Aserbaidschanforschung, Beiträge aus Politik, Wirtschaft, Geschichte und Literatur, Berlin 2007–2014.
  • Kavkazskij kalendar’ [Der Kaukasische Kalender], Tiflis 1846–1916.

Weblinks

Anmerkungen

[1] Azerbajdžanskaja Demokratičeskaja Respublika (1918–1920), Parlament, Stenografičeskie otčëty I [Aserbaidschanische Demokratische Republik (1918–1920), Parlament, Stenographische AufzeichnungenI]. Baku 1998, S. 29. URL: anl.az/el/Download/2017/03/2-755359.pdf (Stand 08.02.2022).

[2] Abbasqulu ağa Bakixanov, Gülüstani-İrəm, Baku 1951, S. 25.  

[3] Kavkazskij kalendar’, 1849, S. 39.

[4] N. A. Trojnickij (Hg.): Pervaja Vseobščaja perepis’ naselenija Rossijskoj imperii 1897, Bakinskaja gubernija [Die erste Bevölkerungszählung des Russischen Imperiums, Gouvernement Baku]. St. Petersburg 1905, S. 52–53.

[5] Krieger: Russlanddeutsche in der Sowjetunion und in der Bundesrepublik. In: Eva-Maria Auch (Hg.): Deutsche im multikulturellen Umfeld Südkaukasiens. Baden-Baden 2017 (= Bibliotheca Academica - Reihe Orientalistik, Band 27), S. 159.

[6] Deutsche Minderheiten stellen sich vor. Berlin 2018, S. 19. URL: www.aussiedlerbeauftragter.de/SharedDocs/downloads/Webs/AUSB/DE/deutsche-minderheiten-stellen-sich-vor-neuauflage-2018.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (Stand 08.02.2022).

[7] Demoscope (Die Statistik von 1926 erfasst nicht die Religion, sondern die ethnische Zugehörigkeit).

[8] Alle Daten für 1959 bis 1999 aus: Z. Eminov: Azərbaycan əhalisi [Die Bevölkerung Aserbaidschans]. Baku 2005, S. 271.

[9] N. A. Trojnickij (Hg.): Pervaja Vseobščaja perepis’ naselenija Rossijskoj imperii 1897, Bakinskaja gubernija [Die erste Bevölkerungszählung des Russischen Imperiums, Gouvernement Baku]. St. Petersburg 1905, S. 50–51.

[10] Gasimov: The Languages, S. 251.

Zitation

Elnura Jivazada: Baku. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2022. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32330 (Stand 10.03.2022).

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OME-Redaktion (Stand: 11.09.2022)