OME-Lexikon

Königsberg/Kaliningrad

1. Toponymie

Deutsche Bezeichnung

Königsberg i. Pr., Königsberg (Pr) (1936–1945)

Amtliche Bezeichnung

Kaliningrad (Калинингра́д)

Anderssprachige Bezeichnungen

lit. Karaliaučius (Kaliningradas), poln. Królewiec

Etymologie

Die Stadt Königsberg erhielt ihren Namen zu Ehren des böhmischen Königs Ottokar II. Přemysl (um 1332–1278). Nach dem Tod des langjährigen (1922–1946) Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR Michail Ivanovič Kalinin (1875–1946) wurde sie 1946 in Kaliningrad (wörtlich Kalininstadt) umbenannt.

2. Geographie

Lage

Kaliningrad (54° 44′ Nord, 20° 29′ Ost) ist die westlichste Großstadt der Russischen Föderation und liegt am Fluss Pregel (russ. Pregolja), der sie mit zwei Armen durchfließt, unweit seiner Mündung in das Frische Haff (Kaliningradskij zaliv). Im Norden und Westen grenzt die Stadt an die Ostseehalbinsel Samland (Kaliningradskij poluostrov [wörtlich: Kaliningrader Halbinsel]), im Osten und Süden an die Pregelniederung.

Staatliche und administrative Zugehörigkeit

Kaliningrad ist Teil des Gebietes (Oblast) Kaliningrad (Kaliningradskaja oblast’), des Föderationskreises Nordwestrussland (Severo-zapadny federalny okrug) und Exklave der Russischen Föderation. Es gliedert sich in drei Stadtbezirke (Rajons): Leningrader, Moskauer und Zentralrajon.

3. Geschichte und Kultur

Gebräuchliche Symbolik

Das Wappen von Kaliningrad zeigt auf blauem Grund eine stilisierte Kogge mit geblähtem Segel, mit russischer Seefahne und dem altstädtischen Wappen am Mast.

Das historische Stadtwappen von Königsberg ist ein dreigeteiltes Kompositwappen und zeigt die drei Wappenbilder der vormals selbstständigen Städte Altstadt, Löbenicht und Kneiphof, überwölbt vom gekrönten preußischen Adler mit den Initialen FWR (Friedrich Wilhelm Rex für König Friedrich Wilhelm I. [1688–1740]).

Archäologische Bedeutung

Bereits in der Jungsteinzeit ist eine Besiedlung des späteren Stadtgebiets durch kammkeramische Funde belegt. Eine prußische Fliehburg, ein Ankerplatz und ein Fischerdorf konnten archäologisch nachgewiesen werden.

Deutschordenszeit (1255–1525)

Lübecker Bestrebungen, am Pregel eine Tochterstadt zu gründen, sind nicht zur Ausführung gelangt. Gründer Königsbergs war der Deutsche Orden als Landesherr, der auf dem Hügel Twangste 1255 im Zuge eines Missionszugs gegen die Prußen eine Burg errichtete, die dem Kreuzfahrer und an dem Missionszug beteiligten Böhmenkönig Ottokar II. Přemysl gewidmet war. Eine außerhalb gelegene Siedlung mit dem prußischen Namen Twangste wurde im Zuge des Prußenaufstands 1262 vernichtet. Nach dem Friedensschluss mit den Prußen und dem Zuzug von Siedlern vor allem aus niederdeutschen Regionen entstanden durch Lokation drei Städte mit Kulmer Recht: Königsberg Altstadt (1286), Löbenicht (1300) und Kneiphof (1327). Dies bedeutete die volle Selbstverwaltung durch Bürgermeister, Rat und Schöffenbank. Zünfte und Gewerke bildeten sich aus. Jede Stadt besaß eine eigene Pfarrkirche und einen Markt. Die Altstadt, zwischen Burg und Pregel gelegen, war die größte und mächtigste Siedlung; der östlich anschließende Löbenicht war eine Handwerker- und Ackerbürgerstadt und der auf der Pregelinsel gelegene Kneiphof war durch Fernkaufleute geprägt. Altstadt und Kneiphof verfügten über Hospitäler. Zur Burg gehörten die alten prußischen Dörfer Tragheim und Sackheim, Roßgarten und Neue Sorge sowie die Burgfreiheit. Zur Altstadt gehörten Lomse, Steindamm, die Laak, Roßgarten und die Hufen, das einzige Stadtdorf Königsbergs, zum Kneiphof die vordere und hintere Vorstadt und Haberberg.

Kneiphof war Sitz des samländischen Domkapitels, welches dem Deutschen Orden inkorporiert war; diese Inkorporation bedeutete nicht den Verlust der weltlichen Hoheitsrechte (Bischofssitz war Fischhausen/Primorsk). Gemäß der päpstlichen Zirkumskriptionsbulle von 1243, die die Rechtsgrundlage der Bistümer im Gebiet des Deutschen Ordens bildete, wurde das Territorium der Bistümer im Jahr 1254 im Verhältnis 2 zu 1 zwischen dem Deutschen Orden und dem jeweiligen Bischof aufgeteilt, wobei den Bischöfen ein Drittel als weltliches Herrschaftsgebiet zufiel; von dem bischöflichen Teil erhielt das Kapitel ein Drittel.

Die Burg von Königsberg, Namensgeber der Deutschordenskomturei, war seit 1311 Sitz des Obersten Marschalls des Deutschen Ordens, der ab 1330 zugleich Komtur von Königsberg war. 1330 bis 1380 wurde im Kneiphof der gotische Dom errichtet, er war auch Pfarrkirche der Stadt. Im Löbenicht gründete der Deutsche Orden unter Hochmeister Heinrich Dusemer (um 1280–1353) 1349 ein Nonnenkloster mit benediktinischer Regel.

Die Stadt war Ausgangspunkt der sogenannten „Litauerreisen“ (Feldzüge von europäischen Adligen mit dem Deutschen Orden, die als Kreuzzüge galten), welche bis zum Ende des 14. Jahrhunderts bedeutende Hochadlige nach Königsberg führten. Der Königsberger Konvent war, nach Marienburg/Malbork, der größte in Preußen.

In der Auseinandersetzung zwischen den preußischen Ständen und dem Deutschen Orden in der Mitte des 15. Jahrhunderts, in der die drei Städte wechselnde Positionen bezogen, stellte sich schließlich vor allem Kneiphof gegen den Landesherrn und wurde von Altstadt und Löbenicht mit Unterstützung des Deutschen Ordens besiegt. Die drei Städte Königsberg bekannten sich 1456 wieder zur Landesherrschaft des Deutschen Ordens, nachdem dieser Polen in der Schlacht von Konitz/Chojnice (1454) besiegt hatte. Nach dem Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466) musste der Orden den westlichen Teil Preußens im Zweiten Frieden von Thorn/Toruń (1466) an Polen-Litauen abtreten. Mit dem Verlust der Marienburg 1457 wurde die Königsberger Burg Sitz des Hochmeisters des Deutschen Ordens.

Reformation und herzogliche Zeit (1525–1701)

In der Amtszeit des Hochmeisters Friedrich von Sachsen (1473–1510) begann ab 1498 die Säkularisierung des Restordenslandes. Der letzte Hochmeister in Preußen, Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490–1568), erwählt 1511, führte das Land seit 1523 der Reformation zu. Albrecht hatte in Königsberg prunkvoll hofgehalten und, unpassend für einen geistlichen Herrn, Turniere veranstaltet; sein verlorener Reiterkrieg (1519–1521) gegen Polen-Litauen hatte die Finanzen des Ordenslandes und Königsbergs ruiniert. Der Hochmeister legte 1525 den Ordensmantel nieder und wurde polnischer Lehnsmann. Staatsrechtlich wurde das ehemalige Ordensland im Vertrag von Krakau/Kraków (8. April 1525) zu einem erblichen Herzogtum Albrechts unter polnischer Lehnshoheit.

Das 16. Jahrhundert war eine Zeit des Wohlstands in Königsberg (Errichtung der Börse gegen Ende des 16. Jahrhunderts, Ausweitung des Handels), was sich besonders in einer gesteigerten Festkultur, einer regen Bautätigkeit in der Stadt und am Umbau der Ordensburg zum Fürstenschloss ausdrückte. Der wirtschaftliche Aufschwung war unter anderem dadurch zu erklären, dass die Stadt vom Dreißigjährigen Krieg verschont blieb; zudem wuchs die 1544 gegründete Albertus-Universität (Albertina) und erlangte große Bedeutung für die Stadt.

Aber auch konfessionelle Konflikte und die Pestjahre 1620, 1629, 1639 und 1653, die viele Menschenleben forderten, prägten das Leben in Königsberg. In den Jahren 1626–1627 entstand eine Wallbefestigung der Stadt; deren Fertigstellung bis 1634, ein gemeinsames Werk aller drei Städte, fortifizierte ganz Königsberg. Im Schwedischen Krieg (1630–1635) versuchte Königsberg vergeblich von Brandenburg-Preußen unabhängig zu werden.

Preußen blieb polnisches Lehen, bis der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620–1688) in den Verträgen von Labiau/Polessk (1656), Wehlau/Snamensk und Bromberg/Bydgoszcz (1657) sowie Oliva/Oliwa (1660) die volle Souveränität erlangte, und das durchaus gegen den Willen der Königsberger. Die Durchsetzung einer absolutistischen preußischen Herrschaft gegen die Relikte mittelalterlicher städtischer Eigenständigkeit erfolgte spätestens, als der Kurfürst den sogenannten Königsberger Aufstand (1656–1663) unter Hieronymus Roth (1606–1678) gewaltsam niederschlug. Sympathien erwarb sich der Kurfürst, als er 1678/1679 den Einfall der Schweden zurückschlug. Seit 1663 trat der Einfluss städtischer Administration zugunsten der landesherrlichen deutlich zurück: Die Landesbehörden wurden im Schloss konzentriert und das landesherrliche Regiment griff immer mehr in die Stadt und ihren florierenden Handel ein.

Modernisierung in der königlichen Zeit (1701–1918)

Am 18. Januar 1701 krönte sich Friedrich III. (1657–1713) in der Königsberger Schlosskirche zum König Friedrich I. in Preußen und stiftete den Orden vom Schwarzen Adler in der preußischen Krönungsstadt. Nach der Krönung wurde Königsberg allmählich modernisiert: Pumpen ersetzten Brunnen, Straßen wurden verbreitert, die Wasserableitung wurde systematisiert.

In den Jahren 1708 bis 1710 hatte das östliche Preußen starke Bevölkerungsverluste durch die Pest hinzunehmen, die auch Königsberg hart traf. Der Wiederaufbau des Landes und eine Umgestaltung der Stadt erfolgten seit 1714 unter Friedrich Wilhelm I., auch durch Salzburger Exulanten, die freilich in geringer Zahl nach Königsberg kamen. Königsberg, das bereits seit 1655 eine Garnison beherbergte, entwickelte sich zunehmend zur barockisierten Garnisonsstadt mit Kasernen, breiten Straßen und Straßenbeleuchtung (1731).

Am 13. Juni 1724 wurden die drei Städte Altstadt, Löbenicht und Kneiphof zur Stadt Königsberg vereinigt. Das Rathaus von Kneiphof wurde Sitz des Magistrats, der vom König durch die Kriegs- und Domänenkammer (seit 1723) reformiert wurde. Fortan gab es einen dirigierenden und zwei weitere Bürgermeister, wobei der König sich das Recht vorbehielt, einen Oberbürgermeister zur Kontrolle zu ernennen. Bei dieser gestrafften Verwaltung blieb für die Mitwirkung der Bürgerschaft kaum mehr Raum. Durch die Einführung merkantilistischen Wirtschaftens (ausgebildet um 1750) entstanden Manufakturen (oft von Textilien), die im Wesentlichen von englischen, französischen und jüdischen Kaufleuten betrieben wurden.

Während der Regierungszeit Friedrichs II. (des Großen; 1712–1786) ab 1740 florierte die Wirtschaft in Königsberg. In den Kriegen Friedrichs II. (1740–1745; 1756–1763) wurde Königsberg wiederholt Kriegsschauplatz, war von 1758 bis 1761 von russischen Truppen besetzt und musste hohe Kontributionszahlungen leisten, was aber dem Aufschwung der Stadt letztlich keinen Abbruch tat. 1764 wurde Königsberg (besonders Löbenicht und Sackheim) von schweren Bränden heimgesucht.

Durch die Erste Teilung Polens (1772) entstanden die von Berlin aus regierten Provinzen Ost- und Westpreußen. Königsberg wurde Hauptstadt von Ostpreußen.

Preußens Niederlage gegen Napoleon und die Preußischen Reformen

Nachdem Preußen in den Koalitionskriegen von Napoleon geschlagen worden war, hielt Marschall Nicolas Jean-de-Dieu Soult (1789–1851) am 16. Juni 1806 Einzug in Königsberg, hiernach Napoleon Bonaparte (1769–1821). Nach 39 Tagen endete die Besatzung, in deren Zuge Königsberg durch Kontributionen sowie die Kontinentalsperre erheblich geschwächt wurde. Von 1808 bis 1809 lebte die königliche Familie in Königsberg. Die Stadt wurde Zentrum der Preußischen Reformen, die den geschlagenen Staat in Gesellschaft und Administration grundlegend modernisierten. Die königlichen Reformkommissionen arbeiteten im Schloss. Die preußische Städteordnung von 1808 beseitigte die ständischen Unterschiede, gab allen männlichen Bürgern das Zensuswahlrecht und trennte Legislative und Exekutive.

1811 suchte ein schwerer Brand die Stadt heim. Die Schäden in Höhe von 13 Millionen Talern wurden durch die Feuerversicherung kaum gedeckt. 1812 wurde die Judenemanzipation per Gesetz festgestellt. Im gleichen Jahr erhoben die Franzosen erneut erhebliche Kontributionen für den Russlandfeldzug. Als 1813 König Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) mit dem „Aufruf an mein Volk“ in Breslau/Wrocław die Bürger Preußens zum Kampf gegen Napoleon Bonaparte aufrief, forderte Generalgouverneur Ludwig Yorck von Wartenburg (1759–1830) im Haus der Ostpreußischen Landschaft in Königsberg die Aufstellung der Landwehr und trug damit zum organisierten Befreiungskampf gegen Napoleon bei.

Im Vormärz war Königsberg ein Vorort des politischen Liberalismus. Die Forderung des Landtags vom 5. September 1840 nach einer allgemeinen Landesrepräsentation stieß bei König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) auf taube Ohren – so gärte es in Königsberg weiter auf Versammlungen, auf denen Reden gehalten wurden. Protagonisten waren Jakob Friedrich Alexander Jung (1799–1884), Johann Jacoby (1805–1877), Ferdinand Falkson (1820–1900) und Ferdinand Gregorovius (1821–1891). 1848 kam es dann zum friedlichen Umsturz für Demokratie und Verfassung in Preußen. In die deutsche Nationalversammlung wurde Eduard von Simson (1810–1899), in die preußische Theodor von Schön (1773–1856) und Raphael Kosch (1803–1872) gewählt. Ergebnis der Revolution war eine konstitutionelle Monarchie. Der Revolution folgte die Epoche der Reaktion; die Überwachung politisch liberaler Akteure und das Bestreben, weitere revolutionäre Tendenzen abzuwehren, prägten das Stadtleben durch politische Stagnation.

Infrastrukturelle Modernisierung der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die 1850er bis 1870er Jahre sind von einer Modernisierung der Infrastruktur Königsbergs bei gleichzeitiger politischer Stabilität und Beharrung gekennzeichnet. Von 1843 bis 1864 wurden die Festungswerke erneuert. Im November 1852 erhielt Königsberg eine Gasbeleuchtung (Kohlevergasung). 1853 wurde der Bahnhof eingeweiht, telegrafische Verbindung nach Berlin bestand seit 1854. Mit der Vollendung der Preußischen Ostbahn 1860, die in Eydtkuhnen/Černyševskoe endete und die Stadt sowie Ostpreußen mit Berlin verband, war die Provinzialisierung Königsbergs, das über Jahrhunderte das geistige Zentrum Preußens gewesen war, durch Berlin abgeschlossen. Königsberg wurde zu einem Knotenpunkt im nordosteuropäischen Verkehr. Die Garnison wurde nach der Reichsgründung (1871) vergrößert. 1872 wurde der Ausbau einer Gürtelfestung aus Forts und Werken angeordnet, die bis 1884 gebaut wurde.

Zu einem Teil war Königsberg eine Beamtenstadt, etwa durch den Sitz des Oberpräsidiums. Seit 1829 waren die beiden Provinzen Ost- und Westpreußen als Provinz Preußen mit der Hauptstadt Königsberg vereinigt. Nach der erneuten Teilung der Provinz 1878 war die Stadt wiederum nur Provinzhauptstadt Ostpreußens sowie Hauptstadt des Regierungsbezirks Königsberg.

Erster Weltkrieg (1914–1918) und Weimarer Zeit (1919–1933)

Königsberg und Ostpreußen, exponiert gegenüber Russland gelegen, waren schon zu Beginn des Weltkriegs gefährdet, als die zarische Armee in die Ostprovinz eindrang; sie wurde allerdings in der Schlacht von Tannenberg (1914) entscheidend geschlagen. Die Stadt litt, wie andere deutsche Städte, an Lebensmittel- und Rohstoffknappheit, als 1918 die Revolution unblutig siegte. Die Macht übernahm die Volksmarinedivision, die sie aber bereits am 4. März 1919 wieder an die Reichswehr verlor. Durch die Bestimmung des Vertrags von Versailles (1919), die Polen über Pommerellen einen Zugang zum Meer eröffnete (sogenannter „Polnischer Korridor“), war Ostpreußen vom Deutschen Reich abgetrennt, was die ohnehin großen wirtschaftlichen Probleme der agrarwirtschaftlich dominierten Region – trotz nicht unerheblicher Hilfe des Reichs – noch verschärfte. Der neue Bürgermeister Hans Lohmeyer (1881–1968) prägte in seiner Amtszeit 1919–1933 die politische Geschichte der Stadt; sein Stellvertreter war seit 1920 Carl Goerdeler (1884–1945), der später am Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 maßgeblich beteiligt war. Durch Auflassung der Festung entstand der umfangreiche Grüngürtel Königsbergs.

Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) und Zweiter Weltkrieg

In der Zeit des Nationalsozialismus war Königsberg Sitz der Gauleitung für Ostpreußen unter Gauleiter Erich Koch (1896–1984), der später als Reichskommissar in der Ukraine wirkte und als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Die Spitzen der Stadt wurden mit Mitgliedern der NSDAP besetzt, politische Gegner entfernt. Oberbürgermeister Lohmeyer wurde zunächst suspendiert und dann pensioniert, ihm folgte Hellmuth Will (1900–1982) bis 1945. 1934, 1938 und 1939 wurde die Stadt durch Eingemeindungen erheblich vergrößert.

Mit der „Machtergreifung“ erlebte die Stadt antisemitischen Terror und Denunziationen gegen die etwa 3.500 Juden, deren Zahl sich bis 1939 mehr als halbierte. In der sogenannten „Reichskristallnacht“ wurden die Alte und die Neue Synagoge durch Brände zerstört. Am 24. Juni 1942 fand die erste Deportation von 465 Königsberger Juden statt, die in das Vernichtungslager Maly Trostenez bei Minsk verschleppt und dort ermordet wurden.

Die Lage im Nordosten des Reichs schütze Königsberg zunächst lange vor Luftangriffen der Alliierten. Massive Luftangriffe erfolgten im August 1944 durch britische Bomberverbände, die den Stadtkern fast vollständig zerstörten. Etwa 200.000 Bürger wurden obdachlos. Ende Januar 1945 wurde Königsberg, durch die sowjetische Armee bereits eingeschlossen, zur Festung erklärt und ein Ausweichen der Zivilbevölkerung untersagt. Am 9. April 1945 kapitulierte die Wehrmacht unter General Otto Lasch (1893–1971) in Königsberg, in dem sich noch 110.000 Zivilisten befanden. Die Zeit der Kampfhandlungen und der anschließenden russischen Besetzung waren durch Gewalttaten, Vergewaltigungen, Verschleppungen und Kriegsverbrechen gegenüber der Zivilbevölkerung seitens Angehöriger der Roten Armee geprägt.

Im Juni 1945 stellte eine russische Volkszählung noch 73.000 Königsberger Einwohner mit deutscher Staatsangehörigkeit fest; von diesen überlebten, nach früherer Schätzung, aufgrund von Hunger, Krankheiten und Gewalttaten nur 25.000.[1] Andere Wissenschaftler gehen von geringeren Bevölkerungs- und Opferzahlen aus, wobei die Genauigkeit der Zählungen aufgrund der Kriegs- und Nachkriegsereignisse in Frage zu stellen ist.[2]

Die verbliebenen deutschen Einwohner wurden 1948 in die SBZ verbracht; eine kleine Minderheit blieb in der nun sowjetischen Stadt, die mit Bürgern der Sowjetunion, zumeist Russen, Weißrussen und Ukrainer, sowie Militärpersonen besiedelt wurde.

Seit 1946: Jüngste Entwicklungen

1946 wurde Königsberg in Kaliningrad umbenannt und die Stadt wurde militärisches Sperrgebiet mit dem eisfreien Hafen Pillau/Baltijsk als Hauptstützpunkt der sowjetischen Baltischen Flotte. Nach dem Potsdamer Abkommen war das nördliche Ostpreußen unter sowjetische Verwaltung gestellt. Mit Verweis auf den propagierten „urslawischen Boden“ und der Begründung, dass Russland keine eisfreien Ostseehäfen habe, annektierte die UdSSR den nördlichen Teil Ostpreußens. Königsberg wurde zu einer sowjetischen Musterstadt in Plattenbauweise.

Wirtschaft

Die drei mittelalterlichen Städte und das spätere Königsberg waren durch den Handel geprägt. Im Kneiphof lebten im Mittelalter die Kaufleute; ihre Speicherhäuser befanden sich aus Gründen des Brandschutzes in einem eigenen Viertel, der Lastadie. Zünfte und Gilden boten den Kaufleuten und Handwerkern einen organisatorischen Rahmen. Die Altstadt war seit 1340 Mitglied der Hanse und beschickte bis 1579 die Hansetage. Königsberg war auch Sitz eines der beiden Großschäffer (eine Art leitender Handelsbeauftragter) des Deutschen Ordens und damit Teil eines Handelsnetzes, das weit über Preußen hinausreichte und mit dem der Orden bis 1466 als Monopolist gewinnbringend Bernstein, Kupfer, Wachs und Pelze exportierte. Die Königsberger Kaufleute standen hierzu in Konkurrenz; sie handelten im Wesentlichen mit Getreide und Holz.

Die Zeit Friedrichs des Großen (seit 1740) stellte eine erste wirtschaftliche Blütezeit Königsbergs dar. Der Hafen der Stadt war der größte der preußischen Monarchie und um 1783/1784 immer noch ein bedeutender Seehandelsplatz mit erheblichen Umsätzen. 1801 wurde die neu erbaute Börse eingeweiht. 1848 verfügten die in Königsberg niedergelassenen Reeder über 38 Handelsschiffe.

Im Zuge der Industrialisierung erfuhr die Wirtschaft Königsbergs ab der Mitte des 19. Jahrhunderts einen erheblichen Aufschwung. Von großer Bedeutung war die Union-Gießerei, die schon bald Maschinen baute, später auch Schiffe und Lokomotiven. Zunehmend erfasste die Industrialisierung auch die anderen Wirtschaftsbranchen wie Brennereien und Mühlen. Mit dem Bahnanschluss nach Russland wurde Königsberg zum größten deutschen Getreidehafen, der polnische und russische Agrargüter umschlug. Auch für Tee war die Stadt ein bedeutender Handelsplatz. Die Reedereien nahmen Aufschwung, so Meyhöfer und Kleyenstüber. 1864 fand erstmals ein bedeutender Wirtschaftskongress in Königsberg statt: die 24. Versammlung der deutschen Land- und Forstwirte. Nach der Abtrennung Ostpreußens durch den Vertrag von Versailles (1919) wurde der Hafen zum Hochseehafen ausgebaut. Die Deutsche Ostmesse Königsberg (seit 1920) war die zweitgrößte Wirtschaftsschau des Deutschen Reichs. Indem die Stadt Wirtschaftsbetriebe und die Stadtbank gründete, konnte sie wirtschaftlich bestehen („Königsberger System“). Bis 1930 wurde der Hafen erweitert und auf dem Devauer Feld ab 1922 ein Flughafen gebaut.

Bis 1945 war Königsberg mit Eisengießereien und zahlreichen Fabriken (besonders Zellstoffproduktion) das industrielle Zentrum Ostpreußens. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete auch die Schichau-Werft für die Rüstung, unter Ausnutzung von Zwangsarbeitern.

Heute sind chemische Industrie, der Maschinenbau sowie Werften und die Fischereiflotte bedeutsam.

Bevölkerung

Bevölkerungsentwicklung[3]

Jahr
Einwohnerzahl
14508.000-10.000
Ende des 17. Jahrhunderts40.000
175550.000
1797/9850.000
185074.000
1867über 100.000
1900190.000
1914266.604
1925275.000
1937372.000
9. April 1945110.000
1956188.000
1993400.000
2014448.000

Neben Deutschen gab es seit dem Mittelalter litauische, prußische und polnische Bevölkerungsteile, wobei prußische Gruppen bis in das 18. Jahrhundert assimiliert waren. Polnische und litauische Gruppen sind statistisch erst für die 1920er Jahre nachweisbar, wo sie etwa 900 beziehungsweise 700 Personen umfassten.[4] Die Bewohner sprachen den niederdeutschen Dialekt des Mittelalters. In der Neuzeit wurde die Bürgerschaft auch durch englische, holländische und schottische Einwanderung heterogener. Die drei Städte Königsbergs waren um 1700 zusammen doppelt so groß wie die Hauptstadt Berlin. Ethnisch besteht die Bevölkerung heute (2014) aus Russen (87,4 %), Ukrainern (4 %), Weißrussen (3,8 %), Armeniern (0,7 %), Tataren (0,5 %), Litauern (0,5 %), Deutschen (0,4 %), Polen (0,3 %) und Sonstigen (2,4 %).[5]

Religions- und Kirchengeschichte

Die im Zuge der Kreuzzugsbewegung und der sogenannten deutschen Ostsiedlung entstandene Stadt war Sitz des katholischen Domkapitels des Bistums Samland. Bis 1525 führte Albrecht von Brandenburg-Ansbach die Reformation ein. Johannes Brismann (1488–1549), Mitarbeiter Martin Luthers (1483–1546), predigte im Königsberger Dom und wurde Berater des Bischofs, ebenso wie Johannes Poliander (1487–1541). Schloßprediger in Königsberg wurde der spätere Kirchenlieddichter und Bischof von Pomesanien Paul Speratus (1484–1551). 1524 fand ein Klostersturm in Königsberg statt.

Unter Joachim Friedrich (1546–1608) wurde auf polnischen Wunsch auch wieder eine katholische Kirche im Löbenicht errichtet. Dazu kam noch eine Jesuitenmission (1780 entfernt), die eine Schule gründete. Der Streit zwischen den Lutheranern und Anhängern anderer evangelischer Reformatoren spielte im Alltag und an der Albertina noch lange eine große Rolle. Fünf neue lutherische Kirchen entstanden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Trotz einer katholischen, einer jüdischen und einer mennonitischen Minderheit blieb Königsberg lutherisch geprägt. Um 1925 gehörten etwa 92 % der Königsberger der evangelisch-unierten Konfession an, 5 % waren Katholiken, 1,45 % Juden, 0,1 % Mennoniten.[6] Im Mittelalter gab es keine Juden in Königsberg, wohl erst ab 1680.[7] Die jüdische Gemeinde war eine der größten des Kaiserreichs.[8] Jüdisches Leben wurde im Zeitalter des Nationalsozialismus aus Königsberg getilgt.

Die Bewohner sind heute zumeist russisch-orthodoxer Konfession. Königsberg ist Kathedralsitz der Diözese von Kaliningrad und Baltijsk. Etwa 1.000 Russlanddeutsche sind in 38 evangelischen Gemeinden in der Stadt und Umgebung wieder eingebunden.[9] Das Deutsch-Russisches Haus (Nemecko-russkij dom) in Kaliningrad leistet als Begegnungsstätte von Russlanddeutschen und russischer Mehrheitsbevölkerung einen wichtigen Beitrag zum interkulturellen Dialog.[10]

Bildung und Wissenschaft

Die älteste Schule Königsbergs war die Domschule, die wohl kurz nach 1296 eingerichtet wurde. Der Rat der Altstadt gründete 1337 eine Pfarrschule, Löbenichts Schule wird 1441 erwähnt. Die drei städtischen Schulen wurden im Zuge der Reformation Lateinschulen unter Aufsicht der evangelischen Geistlichkeit. Außerdem bestanden weiterhin in jeder Stadt eine deutsche Schule sowie Kirchschulen und Winkelschulen. Unter König Friedrich Wilhelm I. wurde das Schulwesen 1730 reformiert. 1753 gab es elf Armenschulen; hinzu kamen Regimentsschulen. Mit den Humboldt’schen Reformen wurden die humanistischen Gymnasien gegründet; das erste Preußens war das Königsberger Friedrichskolleg. Die drei Lateinschulen wurden städtisch, Volksschulen wurden 1867 eingerichtet. Im Jahr 1914 verfügte die Stadt über das Altstädtische und das Kneiphöfische Gymnasium, das Friedrichskolleg, das Wilhelmgymnasium, das Hufengymnasium, das Realgymnasium sowie vier Real- und Oberrealschulen.

1544 gründete Herzog Albrecht die nach Marburg zweite protestantische Universität in Europa, die Albertus-Universität, die schnell Zulauf erhielt. Albrecht hatte ihr drei Aufgaben zugedacht: die Evangelisierung über das Herzogtum hinaus, die Verbreitung humanistischer Bildung und die Heranbildung akademisch-gebildeter Eliten. Seit 1755 hielt der Königsberger Immanuel Kant (1724–1804), zunächst als Privatdozent, später als Professor, seine Lehrveranstaltungen ab, die unter anderen Johann Gottfried Herder (1744–1803) beeinflussten. Kant, der wohl berühmteste Sohn der Stadt, hat seine Heimatstadt nie dauerhaft verlassen. Durch ihn wurde die Königsberger Universität zu einem Zentrum der europäischen Philosophie. An der Albertina bestand ein lebendiges Studententum, das sich in Corps und Burschenschaften (Corps Masovia, gegr. 1830, Corps Hansea Königsberg, gegr. 1876, Burschenschaft Germania, gegr. 1843), in der Zeit vor 1848 unterdrückt und im Geheimen, organisierte. Auch die Albertina erhielt im Zuge der Preußischen Reformen neue Impulse, so durch Johann Friedrich Herbart (1776–1841), und wurde erweitert. 1862 wurde das neue Universitätsgebäude eingeweiht. Die Albertina wuchs bis 1914 auf 1.650 Studenten, bis zum Sommer 1930 auf 4.113 Studenten (761 Frauen); zuvor war sie 1927 nochmals erweitert worden. Sie war wissenschaftlich neben Kant durch Namen geprägt wie Andreas Osiander (1498–1552), Johannes Voigt (1786–1863), Karl Lachmann (1793–1851), Ernst August Hagen (1797-1880), Ernst von Leyden (1832–1910), Felix Dahn (1834–1912), Julius Walter (1841–1922), Hans Prutz (1843–1929) Ludwig Lichtheim (1845–1928) oder Hans Rothfels (1891–1976). Die von Hagen gegründete Kunstakademie bestand seit 1841. 1907 kam noch eine Handelshochschule hinzu.

Die seit 1948 zunächst als Pädagogische Hochschule bestehende Baltische Föderale Immanuel-Kant-Universität (Baltijskij federal'nyj universitet imeni Immanuila Kanta) (mit dieser Benennung seit 2010) als Volluniversität versteht sich als Nachfolgerin der Albertina. Weitere bedeutende Hochschulen in Königsberg sind die Baltische Staatliche Akademie für Fischereiflotte (Baltijskaja Gosudarstvennaja Akademija Rybopromyslovogo Flota), das Baltische Institut für Ökonomie und Finanzen (Baltijskij institut ėkonomiki i finansov), das Baltische Militärische Marineinstitut (Baltijskij vojenno-morskoj institut), die Akademie für Management des Innenministeriums Russlands in Kaliningrad (Аkademija upravlenija Ministerstva vnutrennich del Rossijskoj Federacii), die Schule für internationales Business Kaliningrad (Kaliningradskaja škola meždunarodnogo biznesa) und die Staatliche Technische Universität Kaliningrad (Kaliningradskij gosudarstvennyj techničeskij universitet).

Zu den bedeutenden Museen gehören das Immanuel-Kant-Museum (Muzej Immanila Kanta), das Dom-Museum (Kënigsbergskij sobor), das Museum für Kunst und Geschichte (Kaliningradskij oblastnoj istoriko-chudožestvennyj muzej) sowie das Museum des Weltozeans (Muzej mirovogo okeana).

Gesellschaft

Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die aus dem Mittelalter stammenden Zünfte wichtige gesellschaftliche Vereinigungen. Auch ein lebendiges Vereinswesen (politische, kaufmännische, Gesangs-, Gewerbe-, Turn- und Schützenvereine) entwickelte sich in Königsberg.

Kunstgeschichte

Der Königsberger Dom (um 1325 begonnen) ist auf der Kneiphofinsel gelegen. Die Kirche, eine dreischiffige Hallenkirche aus Backstein, bedeutendster gotischer Sakralbau Ostpreußens, war Kathedralkirche des Bistums Samland, Grablege von Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Luther von Braunschweig (um 1275–1335) und Immanuel Kant. Auch die Wallenrodtsche Bibliothek war hier untergebracht. 1944/1945 wurde die Kirche schwer beschädigt – der Wiederaufbau erfolgt seit 1992.

Das zunächst als gotische Vierflügelanlage nach 1255 errichtete Schloss, das zuletzt als Behörden- und Museumsbau (u. a. Staatsarchiv, Silberbibliothek und Prussia-Museum) diente, war vielen Umbauten unterworfen. Im Schloss wurden auch Gemälde des Königsberger Impressionisten Lovis Corinth (1858–1925) gezeigt. Die Ruine wurde 1968 gesprengt; an ihrer Stelle entstand der bis heute unvollendete Block des „Hauses der Räte“ (Dom Sovjetov).

Nach den Stadtbränden von 1769, 1775 und 1783 wandelte sich das Stadtbild grundlegend, indem Privathäuser wie Kirchen, so die 1777 vollendete barocke katholische Kirche, im zeitgenössischen klassizistischen Stil neu erbaut wurden.

1824 wurde die altstädtische Kirche geschlossen, wegen ihres Verfalls abgetragen und der Platz von Peter Joseph Lenné (1789–1866) gestaltet. 1838 bis 1845 wurde die neue altstädtische Kirche nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) erbaut; 1870–1875 entstand die Neue Börse im Stil der Neorenaissance.

Für den Philosophen Kant errichtete die Stadt 1864 eine Statue, welche schließlich 1885 am Paradeplatz aufgestellt wurde, sowie ein Ehrengrab (1881) als Denkmal am Dom. 1992 wurde ein Neuguss vor der Universität aufgestellt.

1905 begann die Entfestigung, die zwar nie vollständig ausgeführt wurde, der Stadtentwicklung aber dennoch neue Möglichkeiten bot. Die Schlossteichpromenade wurde angelegt; in den Vororten entstanden Wohnsiedlungen und Grünanlagen wie der Park Luisenwahl (1913), der Tiergarten (1896) und das erste Freilichtmuseum Deutschlands (1912). Bedeutende Gebäude der Moderne waren die Stadthalle und das Haus der Technik. Die 1912 eingeweihte Stadthalle, ein modernes Gebäude mit Stahlkonstruktion, besaß die größten Veranstaltungssäle (1.600 Sitzplätze) der Stadt. Das Haus der Technik wurde als Ausstellungshaus auf der Deutschen Ostmesse 1925 von dem Architekten Hanns Hopp (1890–1971), der vom Expressionismus und später vom Bauhaus beeinflusst war, als Klinkerbau errichtet. Hopp war auch verantwortlich für den Bau des Parkhotels (1930–1931), der Ostpreußischen Mädchengewerbeschule (1928) und des Neuen Funkhauses (1932–1933).

Stark in Mitleidenschaft gezogen wurden durch das Bombardement von 1944 das Schloss, sämtliche Kirchen der Innenstadt sowie die Albertina und mit ihnen alle historischen Gebäude der Stadt. Die Ruinen Königsbergs wurden abgetragen, große Grünflächen und Plattenbauten nehmen heute ihren Platz ein. Historisierende Bauten (Fischdorf) wurden auf dem Gelände des Fischmarkts in der Nähe des Doms errichtet, wie es auch Pläne zur Wiedererrichtung von Altstadt und Kneiphof gibt. Die deutschen Siedlungen außerhalb der historischen Stadtkerne sowie Fabriken blieben erhalten und wurden von den neuen Bewohnern entsprechend genutzt.

Musik und Theater

Im Mittelalter wurde in den Kirchen, Klöstern und Schulen Königsbergs geistliche Musik gepflegt. Schon Hochmeister Friedrich von Sachsen hatte eine Hofkapelle eingerichtet. In der herzoglichen Zeit gehörten Chor und Orchester an den Fürstenhof zu Repräsentationszwecken im Geist der Renaissance und Reformation, für die sich Albrecht ebenso tatkräftig einsetzte wie für das Orgelspiel. Unter Georg Friedrich (Reg. 1577–1603) kam eine fränkische Hofkapelle nach Königsberg, und Theodor Riccio (1540–1600) komponierte in italienischer Manier, während Johannes Eccard (1553–1611) Stücke im Stil der niederländischen Schule schuf. Die bedeutendsten Musiker des 17. Jahrhunderts waren Johann Stobäus (1580–1646) und Heinrich Albert (1604–1651). Unter Friedrich Wilhelm I. (Reg. 1713–1740) blühte kirchliche und Orgelmusik. Um 1790 wurden in der Pregelstadt regelmäßig Opern und Singspiele geboten. Die Konzerte des Musikdirektors Friedrich August Riel (1774–1845), Lehrer von Königin Luise (1776–1810), stellten einen Höhepunkt des Kulturlebens dar. Auch Joseph von Eichendorff (1788–1857) wirkte mit seinem romantischen Repertoire in Königsberg. Im 19. Jahrhundert blühten die Gesangvereine, öffentlichen Konzerte und Musikfeste. Die Opernmusik Richard Wagners (1813–1883, 1836/37 am Königsberger Stadttheater tätig) stieß in der Stadt auf ein geteiltes Echo. Louis Köhler (1820–1886) war Königsbergs führender Musikkritiker und auch musikalisch tätig. Im 20. Jahrhundert waren Wilhelm Furtwängler (1886–1954), Hans Knappertsbusch (1888–1965) und Karl Böhm (1894–1981) Gastdirigenten in Königsberg. Das Opernhaus – 1806 zunächst als erstes Stadttheater erbaut, 1918 als reines Opernhaus wiedereröffnet und 1924 mit dem Neuen Schauspielhaus zum Ostpreußischen Landestheater zusammengelegt – war unter der Leitung von Hans Schüler (1897–1963) von 1928 bis 1932 die avantgardistischste Oper Deutschlands.

Nach dem Umbau der alten Komischen Oper zum Neuen Schauspielhaus (1927) spielten hier Künstler wie Paul Wegener (1874–1948), Emil Jannings (1884–1950) und Agnes Straub (1890–1941); es entwickelte sich zu einem der modernsten Theater Deutschlands.

Literatur

Der Deutsche Orden, das Domkapitel und die Geistlichkeit der drei Städte versorgten sich mit vornehmlich geistlicher Literatur, über deren Umfang wir nur fragmentarisch informiert sind. Mit der Reformation erfuhr die Schrift eine erneute Aufwertung, sodass Albrecht den Grundstock für die bibliotheca nova legte, die später königliche Bibliothek und 1919 Staatsbibliothek wurde. Auch der Buchhandel, -druck und das Verlagswesen (z. B. Gräfe und Unzer, seit 1722) erfuhr seit dieser Zeit einen Aufschwung. Bedeutende Zeitungen wurden die Königsberger Hartungsche Zeitung, die Ostpreußische Zeitung, die Ostpreußische Woche (vorher Königsberger Woche), die Königsberger Allgemeine Zeitung, der Königsberger Anzeiger und die Königsberger Volkszeitung. Heute ist der Königsberger Express die wichtigste deutschsprachige Zeitung der Stadt.

Für das 17. Jahrhundert ist der barocke Königsberger Dichterkreis (sog. „Kürbishütte“) um Simon Dach (1605–1659), Robert Roberthin (1600–1648) und Johann Peter Titz (1619–1689) zu erwähnen. Wichtige Vertreter des Hochbarock waren Christian Donatus (1622–1679) und Michael Kongehl (1646–1710). Unter Friedrich Wilhelm I. war die geistliche Dichtung, so die pietistische Lyrik Johann Valentin Pietschs (1690–1726), bedeutend. Neben Kant und Herder repräsentieren zahlreiche Schriftsteller der Aufklärung und der Romantik – Johann Georg Hamann (1730–1788), Theodor Gottlieb von Hippel der Ältere (1741–1796), Johann Friedrich Reichardt (1752–1814), Zacharias Werner (1768–1823) und Ernst Theodor Amadeus (E. T. A.) Hoffmann (1776–1822) – das sogenannte „Königsberger Jahrhundert“ (1701-1806). Im Vormärz war Cäsar von Lengerke (1803–1855) als Dichter tätig. Ernst Wichert (1831–1902) und Felix Dahn (1834–1912) prägten das literarische Leben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genauso wie zu ihrer Zeit Agnes Miegel (1879–1964), Walter Heymann (1882-1915) und Ernst Wiechert (1887-1950), die einer späteren Generation angehörten. In der Stadt und auch überregional bekannt waren zudem die heute weitgehend vergessenen Autorinnen Gutti Alsen (1869−1929) und Katarina Botsky (1880−1945), die beide in Königsberg lebten und der literarischen Moderne zuzurechnen sind. Im Goethebund, geleitet von Ludwig Goldstein (1867–1943), fanden sich Literaten zusammen, die Königsberg literarisch, etwa durch Lesungen bedeutender Dichter, mit dem Reich verbanden. Nach dem Ende der deutschen Stadt erschienen nicht wenige Titel, so etwa Hans Graf von Lehndorffs (1910–1987) Ostpreußisches Tagebuch oder Max Fürsts (1905-1978) Gefilte Fisch, die der Erinnerungsliteratur zuzurechnen sind.

Gedächtnis- und Erinnerungskultur

Nach der zwangsweise durchgeführten Umsiedlung der letzten Deutschen aus Königsberg erinnerten sich die Vertriebenen und Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat insbesondere in den Vertriebenenverbänden an das ehemals deutsche Königsberg; das Museum Stadt Königsberg in Duisburg bewahrt bis heute das Erbe der Königsberger.[11] Die nach Deutschland geretteten Bestandteile der Königsberger Archive werden im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin verwahrt. Mit der Auflösung der Sowjetunion (1991) entkrampfte sich das deutsch-russische Verhältnis, und zunehmend setzten sich die Einwohner von Kaliningrad unter offizieller Förderung mit der fast 700-jährigen deutschen Geschichte ihrer Stadt auseinander.

Die Person Immanuel Kants, der schon zu Sowjetzeiten geschätzt wurde, ist ein gemeinsamer Anknüpfungspunkt für Deutsche und Russen. In wirtschaftlich-touristischer Hinsicht lässt man etwa kulinarische Königsberger Traditionen, wie das Bier Ostmark oder Königsberger Klopse, in der Exklave wiederaufleben. Pläne zum Wiederaufbau des Doms sind umgesetzt worden, die Rekonstruktion von Stadtteilen der deutschen Zeit gelangten dagegen über das Planungsstadium nicht hinaus. Das restaurierte Königstor hat sich zum Wahrzeichen der russischen Stadt entwickelt. Eine mögliche Rückbenennung in „Königsberg“ ist immer wieder Gegenstand lebhafter Diskussion.

4. Diskurse/Kontroversen

Nach selektiv-ideologisch geprägten Wahrnehmungen und Darstellungen der Provinz Ostpreußen als „Bollwerk des Protestantismus“[12] oder als „Bollwerk gegen das Slawentum“[13] in der deutschen Stadt- oder Landesgeschichtsschreibung brachten Historiker zunehmend differenzierende Urteile und Deutungen ins Spiel.[14] Die Kriegsverbrechen der Roten Armee und die Entrechtung der verbliebenen Deutschen sind nach wie vor kontroverse Themen, da die Beurteilung auch von der politischen oder nationalen Ausrichtung bestimmt bleibt.[15]

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Robert Albinus: Königsberg Lexikon. Stadt und Umgebung …für alle, die Königsberg lieben. Würzburg 2002.
  • Michael Antoni (Bearb.): Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler. West- und Ostpreußens. Die ehemaligen Provinzen West- und Ostpreußen (Deutschordensland Preußen) mit Bütower und Lauenburger Land. München, Berlin 1993, S. 301–320.
  • Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen. Berlin 1992 (Deutsche Geschichte im Osten Europas).
  • Per Brodersen: Die Stadt im Westen. Wie Königsberg Kaliningrad wurde. Göttingen 2008.
  • Bernhard Fisch, Marina Klemeševa: Zum Schicksal der Deutschen in Königsberg 1945–1948 (im Spiegel bisher unbekannter russischer Quellen). In: Zeitschrift für Ostmitteleuropaforschung 44 (1995), S. 391–400.
  • Kurt Forstreuter: Das Preußische Staatsarchiv in Königsberg. Ein geschichtlicher Rückblick mit einer Übersicht über seine Bestände. Göttingen 1955 (Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung 3).
  • Klaus Garber: Das alte Königsberg. Erinnerungsbuch einer untergegangenen Stadt. Weimar u. a. 2008.
  • Fritz Gause: Die Geschichte der Stadt Königsberg in Preußen. 3 Bde. Köln u. a. 1965–1971.
  • Fritz Gause: Königsberg. In: Erich Weise (Hg.): Handbuch der historischen Stätten. Ost- und Westpreußen. Stuttgart 1981 (Kröners Taschenausgabe 317), S. 100–107.
  • Gerhard von Glinski, Peter Wörster: Königsberg. Die ostpreußische Hauptstadt in Geschichte und Gegenwart. Bad Münstereifel, Bonn, Berlin 1990 (Ostdeutsche Städtebilder 6).
  • Walther Hubatsch: Albrecht von Brandenburg-Ansbach. Deutschordens-Hochmeister und Herzog in Preußen 1490–1568. Heidelberg 1960 (Studien zur Geschichte Preußens 8).
  • Walther Hubatsch (Hg.): Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. 3 Bde. Göttingen 1968. (Besonders Bd. 2, S. 45–53; Bd. 3, S. 199–203, 236–254, 324–327, 532–536, 548–552).
  • Bernhart Jähnig (Hg.): 750 Jahre Königsberg. Beiträge zur Geschichte einer Residenzstadt auf Zeit. Marburg 2008 (Tagungsberichte der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung 23).
  • Ruth Kibelka: Die deutsche Bevölkerung zwischen Anpassung und Ausweisung nördlich und südlich der Memel (1945–1948). Berlin 1997.
  • Erwin Kroll: Musikstadt Königsberg. Freiburg i. Br. 1966.
  • Hugo Linck: Königsberg 1945–1948. 5. Aufl. Leer 1987.
  • Jürgen Manthey: Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. München 2005.
  • Hans Mendthal (Hg.): Urkundenbuch der Stadt Königsberg in Preußen, Bd. 1 (1256–1400). Königsberg 1910.
  • Stefanie Schüler-Springorum: Die jüdische Minderheit in Königsberg/Preußen 1871–1945. Göttingen 1996 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 56).
  • Werner Stark: Kant in Königsberg. In: Heike Müns, Matthias Weber (Hg.): „Durst nach Erkenntnis ...“ Forschungen zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Zwei Jahrzehnte Immanuel-Kant-Stipendium. München 2007 (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 29), S. 11–36.
  • Christian Tilitzki: Die Albertus-Universität Königsberg. Ihre Geschichte von der Reichsgründung bis zum Untergang der Provinz Ostpreußen (1871–1945). Bd. 1: 1871–1918. Osnabrück 2012.
  • Wulf D. Wagner, Heinrich Lange: Das Königsberger Schloss. Eine Bau- und Kulturgeschichte. Regensburg 2011.
  • Axel E. Walter (Hg.): Königsberger Buch- und Bibliotheksgeschichte. Köln u. a. 2004 (Aus Archiven, Bibliotheken und Museen Mittel- und Osteuropas 1).

Bibliographien und Jahrbücher

  • Ernst Wermke (Hg.): Bibliographie der Geschichte von Ost- und Westpreußen bis 1929, mit einem Nachtrag von 1962; 1930-1938; 1937-1970; 1971-1974. Aalen, Bonn-Bad Godesberg, Marburg 1962–1978.
  • Preußenland. Jahrbuch der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung und der Copernicus-Vereinigung für Geschichte und Landeskunde Westpreußens; Mitteilungen aus dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (1963ff.).

Weblinks

Anmerkungen

[1] Gause: Geschichte der Stadt Königsberg, Bd. 3, S. 172–174.

[2] Die genannten Zahlen etwa bei Linck: Königsberg 1945–1948, S. 75; geringere Zahlen bei Fisch, Klemeševa: Zum Schicksal der Deutschen, S. 399–400. Zur Problematik der Rechnung: Kibelka: Die deutsche Bevölkerung, S. 220ff.

[3] Daten nach Gause: Geschichte der Stadt Königsberg, Bd. 1, S. 119 und 560 (für 1450 und 17. Jahrhundert); Ders.: Geschichte der Stadt Königsberg, Bd. 2, S. 148, 293 und 761 (1755, 1797/98, 1914); Ders.: Geschichte der Stadt Königsberg, Bd. 3, S. 104 und 172 (1925, 09.04.1945); Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen, S. 369 (1850, 1867, 1900); Antoni (Hg.): Dehio-Handbuch, S. 302 (1937, 1993); Ergebnisse der Volkszählung 1956: http://istmat.info/files/uploads/17165/narhoz_sssr_1956_svodnyy.pdf (Abruf 30.01.2015). Die Daten für 2014 sind aus Meldedaten errechnet: http://www.gks.ru/free_doc/doc_2013/bul_dr/mun_obr2013.rar (Abruf 30.01.2015); vgl. von Glinski, Wörster: Königsberg, S. 140.

[4] Gause: Geschichte der Stadt Königsberg, Bd. 3, S. 103.

[5] Zensus 2010: http://kaliningrad.gks.ru/wps/wcm/connect/rosstat_ts/kaliningrad/ru/census_and_researching/census/national_census_2010/score_2010/ (Abruf 15.04.2015).

[6] Gause: Geschichte der Stadt Königsberg, Bd. 3, S. 104.

[7] Gause: Geschichte der Stadt Königsberg, Bd. 1, S. 502.

[8] Schüler-Springorum: Die jüdische Minderheit in Königsberg/Preußen, S. 43–46, S. 367.

[9] http://www.propstei-kaliningrad.info/ (Abruf 15.04.2015).

[10] http://www.drh-k.ru/deu/ (Abruf 15.04.2015).

[11] Exemplarisch sei auf den 1989 erstmals publizierten Erinnerungsbericht von Michael Wieck verwiesen: Zeugnis vom Untergang Königsbergs. Ein Geltungsjude berichtet. (Taschenbuchausgabe München 2005).

[12] Paul Genrich, Professor der Theologie an der Albertina, zitiert nach Tilitzki: Die Albertus-Universität Königsberg, S. 442.

[13] Hans Rothfels: Die Albertina als Grenzlanduniversität. In: Ders.: Ostraum, Preussentum und Reichsgedanke. Historische Abhandlungen, Vorträge und Reden. Leipzig 1935, S. 129–145, hier S. 129f. Weiteres hierzu: Robert Traba: Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz. Eine Studie zur regionalen und nationalen Identität. 1914–1933. Osnabrück 2010 (Klio in Polen 12).

[14] Vgl. dazu „5. Bibliographische Hinweise“.

[15] Die deutsche Opferperspektive betont etwa: Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland. Berlin 2005. Vgl. die russische Perspektive bei Peter Jahn (Hg.): Triumph und Trauma. Sowjetische und postsowjetische Erinnerung an den Krieg 1941–1945. Berlin 2005, S. 48–51; vgl. auch Jutta Scherrer: Sowjetunion/Russland. Siegesmythos versus Vergangenheitsaufarbeitung. In: Monika Flacke (Hg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Bd. 2. Berlin 2004, S. 619–670.

Zitation

Marcus Wüst: Königsberg/Kaliningrad. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32293 (Stand 28.10.2015).

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